Generation Y — Berlin

20. 11. 2018

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Kaum verstehen würde sie jedoch, was Generation Y bedeutet. Die Generation, die spezifischer Teil der heutigen jungen Menschen ist, die man auch Millenial Kids oder Digital Native nennt, das waren zur Jahrtausendwende Teenager. Heute sind das, etwa im Alter um die dreißig, von klein auf in der Welt des Internet und der mobilen Kommunikation aufgewachsene, gebildete, neugierige und interessante junge Leute. Und was das Wesentlichste daran ist, sie haben ihre eigene Meinung. Freie Entscheidung und Ungebundenheit stehen sehr weit oben in dieser Lebenswerte-Pyramide, und Work-life balance ist für viele von ihnen schon wichtiger als Karriere. Weshalb gerade Y? Wegen der englischen Aussprache des Buchstaben y – why. Diese Generation fragt halt viel. Ich lebe schon dreißig Jahre lang in Berlin und dank meiner beiden Millenial Söhne stehen mir die jungen Menschen sehr nahe. All die Jahre setze ich mich geduldig mit ihren Problemen und Problemchen auseinander und beantworte (soweit möglich) all ihre Fragen. In den letzten Monaten habe ich sie mit Röntgenblick beobachtet. Wie leben sie? Wie arbeiten sie? Welche Werte haben sie? Was macht ihnen wirklich Spaß, und was verdammen sie? Und vor allem: was schätzen sie von dem, was sie haben und ihre Eltern nicht hatten, am meisten? Die Antworten auf diese letzte Frage ziehen sich durch den ganzen Artikel wie ein roter Faden.

Berlin Gestern
Nicht wegzudenken von der Generation Y ist ein neuer Lebens- und Arbeitsstil. Die junge Startup-Generation klappert nicht mehr verknöcherte Banken ab, sondern sie ergreift die helfende Hand von „angel investors“, die nicht gleich im nächsten Monat ihr Geld zurückbekommen wollen und risikobereiter als klassische Investoren sind. Mit ihrer Hilfe entsteht eine neue kreative Schicht von Unternehmern, die „entrepreneurs“ genannt werden. Diese jungen Leute, die häufig schon während des Studiums arbeiten und zu Beginn ihrer Karriere kein regelmäßiges Einkommen durch feste Anstellung haben, brauchten einen Zufluchtsort, der es ihnen ermöglicht, ihre abenteuerlichen Anfänge finanziell zu überleben. So ein Ort war schnell gefunden. Seit dem Mauerfall 1989 hat sich Berlin zur progressivsten und dynamischste Hauptstadt Europas entwickelt. Ihr großer Reiz war und ist ihre ungefälschte Offenheit und Toleranz, die in der Berliner Kultur allerdings viel tiefere Wurzeln hat.

Im Jahr 1961 wurde mitten durch das Stadtzentrum eine Mauer gebaut, die Berlin abrupt in zwei politisch völlig verschiedene Sektoren aufspaltete: den Ost- und den Westteil. Der westliche Staat wollte das Leben auf dieser „Insel“, die weit und breit von feindlichen Kräften umgeben war, attraktiver machen, deshalb verlieh die Bundesrepublik Deutschland Westberlin mehrere grundsätzliche Privilegien. Alle Flugtickets und Grundnahrungsmittel waren in Westberlin vom Staat subventioniert, die Mieten waren niedrig per se, Bars und Restaurants brauchten die gesetzlichen Schließzeiten nicht einzuhalten. Und vor allem mussten junge Männer, die nach Westberlin studieren kamen, oder die gleich nach dem Studium hierherzogen, nicht zur Armee. Das war der Grundstein einer Ära, in der aus der 68er Generation eine Kommunität von Rebellen zu entstehen begann, die im Kopf die Alternative zur deutschen konservativen Nachkriegsgesellschaft trugen und im Herzen die sozialen Ideale der Flowerpower-Bewegung. Diese Kommunität begann sehr schnell ausländische junge Künstler anzuziehen (Dawid Bowie und Iggy Pop), politische Studenten (Rudi Dutschke), politische Nonkonformisten (Benno Ohnesorg), politische Clowns (à la Fritz Teufel) und auch eine Szene, die man heute LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) nennt. Auch die antiautoritäre Hippie-Bewegung der freien Liebe, die Kommune 1, war da, die von ihrem Gründer Rainer Langhans und dem Groupie, der schönen Uschi Obermeier, angeführt wurde. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten auch die juristischen Vertreter der linken Szene, die später wichtige politische Positionen besetzten. Otto Schily zum Beispiel wurde Innenminister und Hans-Christian Ströbele ist bis heute die Ikone der grünen Bewegung.

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Heute…
Nach dem Mauerfall 1989 war die 68er Generation zwar schon älter, aber viele von ihnen sind immer noch aktiv und sitzen bis heute auf hohen politischen und wirtschaftlichen Posten. Ihre Kinder sind nicht nur frei erzogen worden, sondern hegen häufig bis jetzt die Freidenker-Ideale. Und nicht nur sie. Allerorts wird von den Geflüchteten gesprochen, wie viele von ihnen in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen sind. Weniger dagegen wird davon gesprochen, dass allein 2014 über eine Million Immigranten aus den EU-Ländern – vor allem aus Portugal, Griechenland, Italien, Spanien und Schweden, nach Deutschland gekommen sind.

Außer der historischen Genese gibt es gleich mehrere Gründe, weshalb ausgerechnet Berlin zum ersehnten Ziel von Wirtschaftsmigranten wird. Wohn- und Bürokosten sind in Berlin immer noch niedrig. Zwar beginnen sie schon zu steigen, aber Städte wie Oslo, London oder Paris haben mehr als doppelt so hohe Mieten.

Vier Universitäten, sieben Fachhoch- und vier Kunsthochschulen und über dreißig Privathochschulen produzieren jährlich die Ideen von hunderttausenden jungen Gehirnen, die in Berlin studieren. Dass sie sich hier wohlfühlen, dazu trägt sicher auch die Tatsache bei, dass sich Berlin als einzige Stadt in Deutschland den Status 24/7 erhalten hat. Früh morgens um 5 irgendwohin frühstücken zu gehen, ist genauso eine Selbstverständlichkeit wie home-delivery service von Speisen aus Restaurants für alle möglichen Geschmäcker zu jeder Tages- und Nachtzeit. Für Gourmet-Abenteurer füge ich hinzu, dass es in Berlin keine Küche der Welt gibt, die Sie (sei es auch nur mit drei Tischchen) in der Stadt nicht finden würden. Von der eritreischen über die isländische bis hin zur tadschikischen, karibischen oder laotischen ist auf der Speisekarte alles anzutreffen, was das Herz und der Gaumen begehrt, und dies alles dank des bereits erwähnten Multikulti-Stils. Das Nachtleben ist bunt und abwechslungsreich. Das Berliner Nightlife gehört zu den aufregendsten, was Bars und Klubs auf der weltweiten Szene zu bieten haben, nach dem Motto: Work hard, party harder. Und wenn man nach durchgearbeiteten Tagen und durchwachten Nächten wieder einen klaren Kopf bekommen will, dann erwarten einen in der Freizeit Wälder, Seen, Parks und Gärten, die 44 % der Fläche Berlins einnehmen. Hierzu gehören auch die 436 tausend Bäume, die die Stadtstraßen säumen; auf einen Kilometer Straße entfallen so durchschnittlich 82 Bäume! Zu Recht trägt Berlin so den Titel Grünste Hauptstadt Europas.

In den letzten Jahren hat Berlin einen neuen Titel erworben. Neben Tallin wurde es zu Europas Startup-Hauptstadt. Daran haben auch die Coworking places einen großen Anteil, die kurz nach der Jahrtausendwende in Berlin zu entstehen begannen. Ihr Kern, der „gemeinsame Arbeitsraum“, potenziert den Start der Business-Inkubatoren noch.

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Arbeit in der Zukunft — Coworking places
Wenn junge Leute anfangen, unternehmerisch tätig zu werden, haben sie erst einmal genug von allem: Zeit, Ideale, Einfälle und gute Laune. Allerdings fehlt eine notwendige Kleinigkeit, ohne die auch das größte Genie nicht auskommt: Geld. Klassische Büromieten mit langen Kündigungsfristen zu zahlen, ist für sie genauso unmöglich, wie einen Kredit von einer klassischen Bank zu bekommen. Allein zu Hause auf den Knien in der Garage etwas zu schaffen, das geht nur für kurze Zeit. Und was passiert, wenn die Firma so schnell wächst, dass man anstatt der anfänglichen fünf Mitarbeiter auf einmal Platz für das x-Fache braucht? Aber wer weiß, ob sie den auch noch in ein paar Monaten werden bezahlen können? Klassische Vermieter sind für diese Varianten nicht eingerichtet und können häufig nicht flexibel reagieren. Dass es auch auf diesem Gebiet zu einer Revolution gekommen ist, haben wir Visionären zu verdanken, wie zum Beispiel Maximilian von der Ahe, einem der Gründer des Betahouse in Kreuzberg.

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„Als wir 2009 begannen, waren wir einer der ersten europäischen coworking spaces. Unsere Mission war einfach. Wir wollten Startups, Inhaber von Kleinunternehmen und Entrepreneure in ihren Innovationen und ihrem Wachstum fördern und stimulieren, indem wir ihnen den richtigen Raum und eine solide Kommunität zur Verfügung stellen, mit der sie zusammenarbeiten und Kenntnisse, Einfälle, Erfahrungen und Inspirationen austauschen können.“ Dieser Weg hat sich ausgezahlt. Acht Jahre nach seiner Eröffnung hat das Berliner Betahouse fünfhundert Mitglieder und vier Standorte in Europa. Und es arbeitet aktiv mit neunzehn Partnern weltweit zusammen. „Weil wir sehen, dass die Erfolgsquote der Startups ständig ansteigt und mit ihnen auch der Bedarf, sich in eine internationale Zusammenarbeit einzubinden, haben wir den Wettbewerb Betapitch und das Programm Betahouse X ins Leben gerufen, die junge Projekte auf diesem Wege begleiten“, fügt Maximilian hinzu.

Gegenwärtig gibt es in Berlin über fünfzig Coworking places. Am meisten davon in Kreuzberg, Mitte, Neukölln und Friedrichshain. Fast alle fungieren auf der Basis von Mitgliedschaft, was jedem beginnenden Unternehmer ein stärkeres Gefühl von Miteigentum gibt. Zugleich bieten sie aber auch viele Dienstleistungen für members only – regelmäßige Events, Weiterbildungsprogramme, Workshops und natürlich auch Treffen mit den angel investors.

Andere wichtigste Adressen sind:

Ahoy!Berlin — hat auf einer Fläche von 4500 m2 heute 350 Mitglieder und eine kleine Filiale in Sao Paulo.

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Factory Berlin — Europas größte Innovations-Community auf einer Fläche von 25 000 m2; gibt das Magazin für nachhaltiges Wirtschaften Factory heraus.

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KAOS Berlin — gegründet für Grafiker, Möbel- und Textildesigner und für traditionelles Handwerk.

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Mindspace – hat in Berlin auf einer Fläche von 5000 m2 heute 2030 Mitglieder und in Deutschland Filialen in Hamburg, München und Frankfurt. Weltweit weitere  8 Coworking Häuser.

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Silicon Allee – konzentriert sich ausschließlich auf die Tech – Gemeinschaft.

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Prof. Dr. Jan Kratzer leitet an der Technischen Universität Berlin den Fachbereich Entrepreneurship und Innovationsmanagement. Auf die Frage, welchen Weg die beginnenden Startups einschlagen sollten, antwortet er: „Wir denken, dass Teamarbeit sehr viel erfolgreicher ist als ein Solo-Entrepreneur. Wenn Sie eine Firma im Bereich ICT gründen wollen, dann brauchen Sie Leute mit den verschiedensten Fähigkeiten; minimal einen Spezialisten, dann eine intellektuelle Kapazität und auch jemanden, der der Industrie nahesteht und weiß, wie man eine Idee zum Leben erweckt.“  Nach einer Weile merkt er noch an: „Und es ist auch gut, eine Frau im Team zu haben. Frauen können eine Menge Probleme lösen und geben nicht so schnell auf. Ein gutes Team besteht aus Leuten, die einander ergänzen.“ Kurz, die Basis vom Ganzen sind die Leute, die ein funktionierendes Team zu bilden verstehen. Das ist ja logisch. Ein gutes Team kann auch aus einem schlechten Einfall etwas machen, aber ein schlechtes Team macht auch den besten Einfall kaputt.

Initiativen von Einzelnen reichen aber zur Wahrung der Attraktivität für Startups nicht aus. Es ist nicht nur auf städtischer, sondern auch auf gesamtstaatlicher Ebene notwendig, dass sich der Staat, Unternehmen, Universitäten und Politiker stärker mit einbringen. „Die komplizierten Prozesse bei der Firmengründung, die hohen Steuern, die immer unverständlicheren Regulierungen und dazu die erschwerte Möglichkeit, eine Finanzierung zu bekommen, sind eine große Herausforderung für die zuständigen Institutionen und Behörden“, sagt Christopher Schmitz, ein Partner von Ernst&Young. Neben Silicon Valley, Israel und London kommt heute Tallin mehr und mehr in den Sucher des Startup-Interesses, das durch die Einführung der Staatsbürgerschaft e-residency längst schon zur geheimen Startup-Hauptstadt geworden ist. Wer weiß schon, dass Tallin 2009 ins Guinness-Buch der Rekorde gekommen ist? Bereits damals war es möglich, sich in Estland eine Firma on-line in bloß achtzehn Minuten zu gründen.

Wohnen in der Zukunft?
Mir eine Wohnung mieten oder mir sogar auf Hypothek eine kaufen, wenn ich doch nicht weiß, wo ich morgen leben werde? Für viele junge Leute ein unvorstellbarer Gedanke. Das Wohnen ist ein großes Thema und die Ideen, wie man damit umgehen sollte, sind wirklich sehr kreativ. Ein interessantes Programm hat die Tinyhouse University im Rahmen der Ausstellung Bauhaus Campus Berlin vorgestellt. Auf dem Gelände des Bauhauses, direkt gegenüber der CDU-Zentrale, hat man zwanzig experimentellen Wohnmodellen auf Rädern Raum gegeben. Die Autoren der einzelnen Projekte wollen die städtischen Strukturen und Normen verlassen und das temporäre Aufstellen von „Dörfern“ auf Freiflächen in der Stadt ausprobieren. Wie wär´s, wenn man Flächen so nutzt, während die auf eine Baugenehmigung warten, wo bisher eine Baulücke ist, wo Gerichtsprozesse zum Grundstück laufen oder die einfach nur so brach liegen? Und wenn sich die Situation verändert, dann halt über Nacht von da verschwindet. Kurz: Urbanismus ohne die erforderlichen Genehmigungen und behördlichen Hindernisse. Geht das überhaupt? Der Berliner Architekt mit laotischen Wurzeln Van Bo Le-Mentzel hat beispielsweise ein Tiny House entwickelt, das eine Grundfläche von nur 10 m2 hat. Dennoch hat er eine Küche, eine Dusche, eine Schlafkoje und einen Arbeitstisch darin untergebracht. Er setzt voraus, dass man sich dieses komplett hölzerne Haus für einhundert Euro monatlich mieten kann, daher die offizielle Bezeichnung: „100-Euro-Wohnung“.

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Wenn dann doch die Sehnsucht nach einer eigenen Wohnstatt kommt, bietet sich eine auf den ersten Blick kuriose Variante aus der Werkstatt des Architekturstudios June14 an. Sam und Johanna haben einander in Japan kennengelernt, als beide in dem renommierten Architekturbüro Sanaa arbeiteten. In Berlin beschlossen sie, ein eigenes Studio zu eröffnen. Und das erste, wahrhaft nicht alltägliche Angebot ließ nicht lange auf sich warten. Sie wurden von einer Gruppe von zehn Freunden angesprocheN&Nbsp;- Künstler, Fotografen, Kuratoren und Herausgeber, die bei ihnen einen Wohnungsentwurf in einem Haus in der Kurfürstenstraße, auf einem Grundstück, das sie gerade gekauft hatten, in Auftrag gaben. Da wäre ja noch gar nichts Besonderes dran, wenn in der Vorgabe nicht gestanden hätte, dass die Wohnungen ohne Türen und da, wo das möglich ist, auch ohne Wände sein sollen… kurz gesagt: ein Haus für gemeinsames Wohnen. Sam und Johanna begannen zu arbeiten, und der Anklang im Kreis der Eigentümer war so groß, dass sich das Gebäude durch den Kauf des Nebengrundstücks in kurzer Zeit auf zwanzig Wohnungen ausweitete. Alle Entscheidungen wurden demokratisch getroffen, die Ideen und Anforderungen jedes Einzelnen wurden berücksichtigt. Im September 2017 begann man in der Kurfürstenstraße zu bauen, in achtzehn Monaten soll das Objekt fertiggestellt sein. Ich frage Sam, ob er meint, dass ihr Haus einmal ein Beispiel für das Wohnen der Zukunft sein wird. „Nein, das glaube ich nicht. Aber über solche und ähnliche Alternativen nachzudenken, ist die Art und Weise, wohin das in Zukunft gehen wird.“ Ich schaue mir hunderte von Modellen an, die sie schufen, bevor alle Beteiligten zufrieden waren. Und es wird mir bewusst, dass das eigentlich auf seine Art der Weg zurück zu den Wurzeln ist. Wie viele Generationen unserer Vorfahren lebten doch in einer oder zwei Stuben mit ihrer ganzen vielköpfigen Familie zusammen?

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Berlin hat die meisten Single-Haushalte Deutschlands. Deshalb ist und bleibt der Mangel an kleinen Wohnungen und alternativen Wohnmöglichkeiten in dieser Stadt immer noch ein hochaktuelles Thema.

Effektive Erzeugung von Gesunden Lebensmitteln
Das Thema gesunde Lebensweise und damit die Frage der Lebensmittelqualität ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Denkens nicht nur von Hipstern sondern auch eines Großteils der jungen Generation. Ich kenne keinen von ihnen, der sich nicht wenigstens marginal dafür interessieren würde, was er isst, wo das Essen herkommt und wie es unsere Umwelt beeinflusst. Alle Gin-Marken kennen, in der Nacht einen guten Joint rauchen, Spaß haben und bis zum Morgen tanzen und dabei Smoothie-Rezepte oder Adressen auszutauschen, wo man bezahlbare Biolebensmittel bekommt, das ist etwas ganz Normales. Genauso wie Bemerkungen der Art: „bei Tchibo gibt es gerade Bio-Baumwoll-T-Shirts“ oder „hast du schonmal die tollen Cannabis-Strümpfe ausprobiert?“

ECF Aquaponik-Farmsystem ist ein junger, 2012 gegründeter Startup. Im Zentrum Berlins ist der mit einer Neuheit auf den Markt gekommen, die ein beispielhaftes Modell für das urbane Farming werden kann. An ein und demselben Ort werden in dreizehn Bottichen Fische gehalten, und in der Halle gleich daneben Gemüse und Kräuter angebaut. So entsteht eine effiziente Aquakultur, die nicht nur Bioqualität hat, sondern auch noch sehr umweltschonend ist. Das Wasser aus den Bottichen wird gefiltert und zum Wässern der Pflanzen genutzt. Und weil diese das Ammonium, das die Fische ausscheiden, organisch zu Nitrat verwandeln, muss man keinen Dünger verwenden. Nicolas Leschke, einer der beiden Gründer des ECF-Projekts, fügt dem hinzu: „Weil wir zertifiziertes Biofutter verwenden und die Fische nicht in Massenhaltung züchten, müssen wir im Unterschied zu den anderen Aquakulturen keine Antibiotika einsetzen.“ Auf die Frage, ob der Großhandel Interesse an den Fischen habe, antwortet der sympathische Hipster: „Wir realisieren unser Projekt jetzt in Brüssel, auf dem Dach eines Supermarkets. Nirgendwo können Sie dann frischere Fische kaufen. Die Verarbeitung der Fische findet nämlich direkt an Ort und Stelle statt und vier Stunden später liegt der Fisch schon in Folie im Regal. Einen genauso kurzen Weg haben auch Gemüse und Kräuter. Keine hunderte von Kilometern per Spedition, minimale Umweltbelastung. Ganz im Gegenteil: wir nutzen alles, was die Natur bietet: Licht, Feuchtigkeit, Regen, Sonne, die Windgeschwindigkeit und -richtung. Gegenwärtig ziehen wir hier 18 Tausend Kilo Barsche jährlich; um bis zu einem Gewicht von 500 g zu wachsen, braucht der Fisch etwa acht Monate. Und wöchentlich erzeugen wir achttausend Schälchen Basilikum. Im Sommer brauchen wir für eine Schale Kräuter fünf Wochen, im Winter sechs. Alles wieder in Bioqualität.“

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Für diejenigen, die weder einen Garten noch einen Balkon haben und trotzdem eigene Kräuter ziehen wollen, bietet die Firma Infarm in Kreuzberg eine bahnbrechende Lösung für Indoor farming. Weil man die meisten Pflanzen im Interieur nicht essen kann, ziehen sie vor allem Keimlinge, Setzlinge und ungewöhnliche Kräuter wie zum Beispiel Zimtbasilikum. Aber es ist ihnen auch schon gelungen, einen Kürbis zu ziehen. Die Pflanzen hängen in Schränken, die an die digitale Staatsbibliothek erinnern, an der Wand Gitter, die an einen großen Wasserbehälter angeschlossen sind. „Unser Ziel ist es, frische Delikatessen in die Stadt zu bringen und neue Geschmacksrichtungen zu entdecken“, erklärt einer der Gründer des Startups.

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Im Jahr 2015 ist der fünfundzwanzig jährige Guy mit seinem Bruder und seiner Schwägerin mit einer bahnbrechenden Idee von Tel Aviv nach Berlin gezogen. „Wir hatten einen Plan – das unterscheidet uns von den anderen, die in Berlin ihr Glück machen wollen“, lacht er. „In Israel ist so ein Projekt nicht erforderlich“, sagt Guy. „Dort gibt es genügend Sonne, alles wächst draußen. Aber in Berlin? Hier kommt das Obst aus Spanien und das Gemüse aus Ägypten. Und die Auswahl im Supermarkt ist auch ziemlich eingeschränkt, in allen Ketten bekommen Sie die gleichen Produkte. Und so wissen Sie gar nicht, dass so etwas wie Zimtbasilikum überhaupt existiert.“ Die drei hatten kaum landwirtschaftliche Erfahrungen. Guy hat chinesische Medizin studiert und als Koch gearbeitet, Erez und Osnat haben in der Filmindustrie gearbeitet. Aber alle drei hatten den gleichen Traum von der Selbstversorgung. „Wir wollten nicht aufs Land gehen, wir sind Stadtkinder“, sagt Guy lächelnd. Berlin hat ihnen gefallen, die Leute hier waren lockerer und mehr experimentierfreudig als anderswo. Sie haben viele Forschungen angestellt und schließlich ihr unternehmerisches Konzept entwickelt, das auf einem Interieur-Labor basiert, das in rosa Licht getaucht ist. Anstatt normaler Gartenerde wird hier ein Substrat aus Kokosfasern benutzt, welches keine Pilze und Bakterien, die häufig zum Eingehen junger Pflanzen beitragen, enthält.

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Wie so ein Mikrogarten zuhause aussehen kann, haben Amateurbiologen in einer spektakulären Installation im Restaurant 25Hours im Hotel Bikini Haus Berlin gezeigt. Sie sind auch mit einem Stand in der Kult-Markthalle IX in Kreuzberg vertreten.

1 + 1?  1 + 2? Single Siegt
„Ich in deinem Alter…“, wie oft hat die heutige junge Generation diesen Satz schon gehört. Drei Viertel ihrer Eltern waren im Alter von bis zu dreißig schon mit ihrer Ausbildung fertig, hatten eine feste Anstellung, eine Familie gegründet und eine Wohnung auf Hypothek. Heute schaffen das im gleichen Alter bloß nicht ganz 15 % der jungen Menschen. Und daran wird sich wohl lange auch nichts ändern. Besonders in Berlin, das schon jahrzehntelang als die Single-Hauptstadt gilt. One night stand JA, feste Beziehung NEIN. Es ist mitunter fast grotesk, die heutige Beziehungsunsicherheit und die Unlust, sich zu binden, zu beobachten. Alles ist ungebunden, Spontanität ist das Zauberwort – bis zum letzten Atemzug auf die nächste Gelegenheit warten. Es kann ja vielleicht gleich morgen jemand auftauchen, der besser zu mir passt. Oder der besser aussieht. Oder einfach cooler ist. Und wenn wir trotzdem unsere Telefonnummern austauschen, dann fängt der Horror erst an. Die Abende sind auch so schon voll mit lockenden Angeboten mit Freunden. Lohnt es sich überhaupt, Zeit mit jemandem zu verbringen nur in der Hoffnung, er könnte die/der Richtige sein? Welchen Wert hat es, so leichtsinnig einen ganzen Abend zu verlieren?

Und vielleicht ist es ja nicht einmal der ganze … Es ist einfacher, sich alle Türen offen zu halten, bietet doch Berlin so viele Möglichkeiten und Freiheiten aller Art.

Der Club Berghain ist der berühmteste, aber nicht der einzige. Die Berliner Nachtklubs befriedigen auch die „anspruchsvollste“ Klientel. Den Salon Wilde Renate auszuprobieren, das ist eher ein Erlebnis für Anfänger; zu den Partys House of Red Doors kommen nämlich vorwiegend Heterosexuelle. Mit zufälligen sexy Begegnungen ohne Verbindlichkeit kommen junge Männer mehr als gut aus, Frauen aber sehnen sich nach Geborgenheit. Nie war die Dunkelziffer der weiblichen Beziehungen so hoch wie jetzt. Und wie die Ergebnisse der Marktforschung für die Berliner Startup-Firma Amorelie, die erotische Lifestyle-Produkte anbietet, zeigen, hat von dreitausend befragten Frauen die Hälfte Sexspielzeug zuhause, bei Männern ist das nicht einmal ein Drittel.

Und Morgen?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass es zwischen den heute lebenden Alterskategorien Unterschiede von hundert Jahren gibt. Liegt das an der Erziehung der heutigen jungen Generation? Sie hat keinen Mangel und keine Armut kennengelernt. Sie ist von ihren Eltern gehegt und unterstützt worden wie keine Generation zuvor. Ihre Eltern haben bei schlechten Noten nicht zuhause mit dem Riemen oder dem Kochlöffel gewartet, sondern haben Hauslehrer gesucht. Und wenn sie sich auf dem Schulhof geprügelt haben, dann war die einzige Konsequenz ein Besuch beim Psychologen. Nicht nur des Kindes, sondern auch des Lehrers, der seine Schüler nicht genügen geschützt hat. Wie gut, dass die Wehrpflicht abgeschafft worden ist… die wäre für so manchen jungen Mann eine wahre Tragödie. Die Eltern haben die heutige Jugend von klein auf eher als Partner angesehen, mit denen man reden und diskutieren muss, die ihre eigene Meinung haben. Sie haben sich zu ihnen wie zu Gleichberechtigten verhalten, sie haben ihnen eine Stimme und die Wahl zur eigenen Entscheidung gegeben. Das charakterisiert die Eltern der Generation Y. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) ist sich diese junge Generation dessen bewusst, dass das Versprechen eines ständig steigenden Lebensniveaus gerade in ihrem Falle nicht unbedingt in Erfüllung gehen muss. Deshalb sind sie bereit, sich auch an diese Unsicherheit anzupassen.

Personalchefs sehen in diesem Verhalten bereits heute Folgen. Dass die Generation Y so nach Feedback und Bestätigung lechzt, dass sie es richtig macht, ist der Beweis dafür, dass ihre Eltern Freunde waren. Und jetzt suchen sie sie sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben.

Im Arbeitsleben beginnen viele Firmen sich diesem Trend anzupassen. Flexible Arbeitszeit, ein freies Studienjahr, Elternzeit für Väter, Zeit für die Familie, Videokonferenzen anstatt Dienstreisen. McKinsey lockt heute Arbeitsanwärter mit dem Angebot, jedes Jahr drei Monate unbezahlt frei nehmen zu können. Die Vorgesetzten beginnen zu begreifen, dass das junge Blut sich nicht eine schnelle Karriere vorgenommen hat, sondern dass es einen mit Arbeit angefüllten, erfüllten Tag so erleben will, dass es abends noch die Kraft hat, sich amüsieren zu gehen… sei es nun mit Freunden oder mit der Familie.

Als habe diese Generation intuitiv in ihrer Arbeitsethik einen Schutzwall gegen das Burn-out aufgebaut, das ihre Eltern erfahren haben. Die Ergebnisse der letzten Shell Jugendstudie zeigt, dass 70 % von ihnen davon überzeugt sind, dass sie in der Zukunft nicht ohne Partner und ohne Kinder glücklich sein können. Für viele scheint die Familie ein sicherer Hafen in einer unsicheren Welt zu sein. Ganz egal, ob als bürgerliche oder Patchwork-Familie mit Homo- oder Hetero-Beziehung. Und wenn die Beziehung nicht funktioniert, dann ist es kein Problem, sie zu beenden. Ein Single zu sein, ist doch keine Schande.

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„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.“ Sind wir mit den Worten des Sokrates einverstanden, auch nach 2400 Jahren? Wir könnten auch die warnenden Stimmen heutiger Kritiker hinzufügen. „Die Generation Y ist verwöhnt, verzärtelt und sensibel. Sich selbst und anderen gegenüber. Keine schwere Arbeit und Verantwortung, sondern Genuss, Spaß und Abenteuer sind ihr Antrieb“, sagen Pädagogen, Personalisten und Arbeitsberater. Harte Worte. Denken wir doch nur einmal daran, wann unsere Vorfahren die größten Entdeckungen gemacht haben und ihre besten Werke geschaffen haben, die Jahrtausende überdauert haben? Und siehe da, in Zeiten, in denen sie den meisten Wert auf ihr Äußeres, auf gutes Essen, Vergnügen und ein reichhaltiges geselliges Leben legten, zu dem alle Adjektive passen außer prüde. In dekadenten Zeiten brachten die Griechen und die Römer die Menschheit in Meilenschritten voran, so wie nie jemand vor und nach ihnen. Wollen wir nicht kritisieren und uns beklagen (das können wir übrigens am allerbesten von allem), sondern versuchen wir doch lieber die Erfahrungen unserer reifen Generation mit der Begeisterung, dem Abstand, der Leichtigkeit und Lebensfreude der heutigen jungen Menschen zu verbinden. Geben wir ihnen Raum und Chance. Vielleicht entsteht dann eine neue erfolgreiche Gemeinschaft für alle. Die Generation W – Alle zusammen.

Text Danuše Siering