Wolfgang Bremm von Kleinsorgen: „Unsere Mobilität wird sich verändern – Sie werden davon begeistert sein!“

Der Generaldirektor von Mercedes-Benz für Mittel- und Osteuropa hat seinen Wohnsitz in Prag. Er zog mit der ganzen Familie hierher, unweit von Prag feierte er sogar seine Hochzeit und sein zweiter Sohn ist hier geboren. Er mag Spaziergänge durch das historische Zentrum und in der Tschechischen Republik bewundert er die Architektur und die faszinierende Natur. Einer der sich am stärksten wandelnden Industriezweige ist die Automobilindustrie. Neue elektrische Antriebe, alternative Dienste in Verbindung mit dem Besitz von Automobilen und die schnelle Entwicklung der Technologie ändern unsere Sichtweise auf das Fahrzeug als unentbehrlichen Bestandteil unseres Lebens.

10. 1. 2022 | Michael Kudela

Unsere neu vorgestellten Modelle – es gibt sechs reine Elektroautos und eine breite Palette von Plug-in-Hybride – beweisen, dass Luxus nicht im Widerspruch zu umweltfreundlichem Antrieb steht Foto: Mercedes-Benz

Wie wird Ihrer Meinung nach der individuelle Verkehr in Zukunft aussehen?

Die Automobilindustrie erlebt die größten Veränderungen in ihrer Geschichte. Wir sind inmitten dieser Transformation und es erwartet uns immer noch viel Neues. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Bedeutung des Autos und die unbestrittene Notwendigkeit des individuellen Verkehrs in keiner Weise an Relevanz verliert. Doch dabei ist wichtig heraus zu stellen, dass das Auto – gerade im Premiumsegment – natürlich nicht nur eine praktische Funktion innehat. Das Auto ist ebenfalls ein Spiegelbild seines Nutzers, der mit ihm einen Teil seiner Persönlichkeit offenbart.

Das Auto verrät auch viel über seinen Stil, seinen Sinn für Design oder die Begeisterung für neue Technologien. Auch die Marke steht für eine ganze Reihe von Werten. Für Mercedes-Benz ist es selbstverständlich, und es ist der eigens erteilte Auftrag, sehr viel Energie in Details zu investieren: Funktion und Ästhetik sind zu verbinden und unsere Marke soll Begeisterung erzeugen. So entsteht Identität. Dies Grundwerte unserer Marke geworden neben selbstverständlichen Attributen wie Sicherheit, Komfort und Sportlichkeit.

Dabei ist es essentiell, dass wir unsere Produkte und die Wahrnehmung von Mercedes-Benz stetig weiterentwickeln und an die Zeit anpassen. Unser Leitgedanke hierbei ist, dass ein Mercedes als eine Interpretation von ‚Modernem Luxus‘ verstanden wird.

Lassen Sie mich dies an einem Beispiel aus einer anderen Branche illustrieren: es ist interessant zu sehen, wie sich die Innenausstattung von Luxuswohnungen über die Zeit verändert hat. Während früher üppige und massive Möbel die Grundlage bildeten, überwiegt heute der Minimalismus. Der Akzent liegt mehr als früher auf bestem Design und hochwertiger Verarbeitung, natürlich spielen auch hier die Möbelmarken eine wichtige Rolle. Die Entwicklung beim MercedesDesign folgt ähnlichen Prinzipien. 

Schauen Sie sich zum Beispiel unser Spitzenmodell, die S-Klasse an. Sie hat eine beeindruckende Ausstrahlung und die Proportionen sprechen für sich. Für den luxuriösen Eindruck ist gar keine Überbetonung nötig. Bei genauerem Hinsehen werden Sie dann feststellen, dass beispielsweise die Anzahl der Chromteile geringer geworden ist als bei vorherigen Modellen. Wir glauben, dass moderner Luxus unaufdringlich und selbstbewusst sein sollte, um die Persönlichkeit der Nutzer widerzuspiegeln, aber nicht aufdringlich oder protzig wirken sollte.

Mercedes-Benz priorisiert gemäß unserer Strategie klar die nachhaltige Mobilität und Produktion. Vor zwei Jahren kündigte unser Unternehmen an, dass die gesamte Modellpalette bis 2039 klimaneutral sein wird. Und dabei sprechen wir nicht nur von den Emissionen der Fahrzeuge, sondern von der kompletten Sichtweise. Schon Ende 2022 wird unsere Automobil- und Komponentenproduktion in Europa CO2-neutral sein. Dies wird durch modernste Werke sowie durch alternative Energieformen erreicht und schließt beispielsweise auch die intelligent konzipierte Wasseraufbereitung ein, um einen möglichst geringen „Footprint“ zu hinterlassen. 

Unsere neu vorgestellten Modelle – es gibt bereits sechs reine Elektroautos und eine breite Palette von Plug-in-Hybriden – beweisen schon heute, dass Luxus, Komfort und Sicherheit der Spitzenklasse nicht im Widerspruch zu umweltfreundlichem Antrieb stehen. Das bedeutet nicht, dass die traditionellen Verbrennungsmotoren, die einen bedeutenden Entwicklungsprozess durchlaufen haben, und heute eine früher undenkbare Effizienz und geringe Emissionen bieten, bald verschwindeN&Nbsp;werden. Vielmehr werden die Nutzer über eine längere Zeit eine viel größere Auswahl haben und jeder wird die beste Lösung für seine Bedürfnisse finden.

Wird sich die Notwendigkeit eines eigenen Autos ändern?

Oft hören wir, dass junge Menschen kein Interesse am Autofahren haben, manche sagen, sie bräuchten kein Auto, das neueste Mobiltelefon sei wichtiger. Und ich kann auch aus meiner Beobachtung sagen, dass junge Menschen heute in vielen Fällen nicht denselben Enthusiasmus erleben wie ich. Ich habe unglaublich auf meinen 18. Geburtstag hin gefiebert, nur weil ich an diesem Tag endlich meinen Führerschein abholen konnte. Ich höre heute immer wieder, dass sich einige Teenager erst nach Jahren der Volljährigkeit entscheiden, den Führerschein zu absolvieren. Aber hierbei gibt es für die allermeisten dieser vorhin genannten jungen Menschen einen ganz entscheidenden Punkt, der so vieles auf einen Schlag verändert: die eigene Familie.

Ab diesem Moment wird der Besitz eines eigenen Autos zumeist als sogar unverzichtbar bezeichnet. Klar, man könnte vermuten, dass die Mobilität der Zukunft auf den heute existierenden Angeboten von Car-Sharing, Ride-Sharing oder alternativen Taxidiensten wie Uber beruhen wird. Tatsächlich denke ich aber ganz klar, dass wir in Zukunft eine Kombination von verschiedenen Mobilitätsangeboten nutzen werden, das eigene Auto wird dadurch aber keineswegs ersetzt. Freiheit ist für uns alle wichtig und das Auto ermöglicht es uns, unsere Familie mit allem, was wir für die Kinder brauchen, zu transportieren. 

Glauben Sie mir, dank unserer beiden Söhne im Alter von sechs und zwei Jahren weiß ich genau, wovon ich spreche (und lächelt). Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jeden Tag zwei Kindersitze mitsamt Spielzeug und anderen Dingen in ein anderes Fahrzeug umbauen muss. Dennoch nutze ich aber zum Beispiel Ride-Sharing Dienste am Abend, um mich mit Freunden auf einen Drink im Stadtzentrum zu treffen und brauche dadurch auch keinen Parkplatz zu suchen. Oder ein anderes Beispiel: viele Leute brauchen vielleicht einmal im Jahr einen großen Van für den Urlaub mitsamt den Sportgeräten, oder für den Ausflug am Kindergeburtstag ein paar Sitzplätze mehr.

Ich bin sicher, wir werden mehr Angebote für Mobilität nutzen, der Besitz eines Autos wird jedoch weiterhin für die allermeisten Menschen größte Relevanz haben, insbesondere im Premium- und Luxussegment. Und vergessen Sie nicht, dass das Auto auch für einen selbst da ist: in vielen Fällen ist die Fahrt im Auto sogar die einzige Zeit am Tag, in der man für sich selbst sein kann, und dies im eigenen privaten Raum.

In der heutigen Zeit sind effiziente und umweltfreundliche Lösungen gefragt. Wie lässt sich das mit Luxusautos vereinbaren?

Sehr gut, denke ich. Vor allem, weil teurere Autos schon immer Technologieträger für Fortschritt waren. Mercedes- Benz war der erste Hersteller, der den Airbag oder das Fahrstabilitätssystem ESP eingeführt hat, um nur einige Elemente zu nennen. Was einst luxuriöse Extras für wohlhabende Kunden waren, ist heute eine obligatorische Sicherheitsausstattung. Man ist manchmal geneigt zu sagen, dass Autos heute alles haben, was man sich wünscht. Aber für mich ist es absolut faszinierend zu entdecken, dass es noch eine lange Reihe weiterer Innovationen gibt, die einen erheblichen Mehrwert bieten werden. Das weiß ich durch die enge Zusammenarbeit mit unseren Ingenieuren und Designern. 

Nehmen Sie zum Beispiel unsere hochmodernen „Digital Light“ LED Scheinwerfer: ihre HD Auflösung mit 2 Millionen Pixeln ermöglicht es, andere Verkehrsteilnehmer oder Objekte in der Dunkelheit entweder abzudecken oder hervorzuheben. So können beispielsweise Fußgänger am Straßenrand, die man vorher nicht rechtzeitig gesehen hätte, besonders markiert werden. Und auch im Innenraum kommuniziert das Auto zunehmend mit Ihnen, nicht nur über die Sprachsteuerung, sondern auch durch das Erkennen von Gesten, beispielsweise schaltet sich das Leselicht automatisch ein, wenn Sie das Parkticket vom Beifahrersitz nehmen. 

Die Kombination von Funktionalität, Sicherheit und Design findet sich heute auch in der Ambientebeleuchtung: Sie blinkt in rot und warnt so vor einem vorbeifahrenden Radfahrer, wenn Sie aus dem Auto steigen möchten. Viele Details, die man auf Anfrage oft nicht braucht, dann aber doch nicht mehr missen möchte.

Wolfgang Bremm von Kleinsorgen, Präsident von Mercedes-Benz Cars für Mittel- und Osteuropa, CEO Mercedes-Benz Česká republika, s.r.o Foto: Mercedes-Benz

Lässt sich also sagen, wie das Auto in zwanzig Jahren aussehen wird?

Die Entscheidungen, die heute in der Automobilindustrie getroffen werden, wirken sich auf die Produktpalette der nächsten grob fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, inklusive aller Derivate. Investitionen in neue Technologien und die Entwicklung von Fahrzeugen nehmen enorm viel Zeit in Anspruch, oft sprechen wir von einem Produktlebenszyklus von sieben Jahren bis zur Markteinführung seines Nachfolgers.

Die Hersteller müssen also weit vorausdenken, um die beste Produktpalette anbieten zu können, die den Kundenbedürfnissen in vielen Jahren entspricht. Mercedes-Benz hat eine wichtige Entscheidung getroffen: alle neuen Plattformen werden ab 2025 nur noch mit Elektroantrieb ausgestattet sein. Das liegt vor allem daran, dass bei der speziellen Konstruktion keine Kompromisse eingegangen werden müssen, welches für die Auslegung auf verschiedene Antriebsarten notwendig wäre. Und diese optimale Auslegung des Fahrzeugs kommt seinem Nutzer zugute. Es macht einen großen Unterschied, wenn man den Platz für die Batterien im Fahrzeugboden optimieren kann und damit entsprechend die elektrische Reichweite des Fahrzeugs erhöht. 

Auch der Fahrgastraum kann noch besser gemäß den Anforderungen der Insassen gestaltet werden. Bei einer flexiblen Architektur für diverse Antriebstypen, also Verbrenner, Hybride und Elektroantrieb im selben Auto, müssten die sehr unterschiedlichen Anforderungen des Verbrennungsmotors, des gesamten Antriebsstrangs und der Abgasanlage berücksichtigt werden, was sich negativ auf die Raumnutzung, das Gewicht, die Kosten und letztlich auch den Preis auswirken würde. 

Mercedes geht aus meiner Sicht in eine logische und verständliche Richtung. Unser gerade eingeführtes EQS-Topmodell ist ein Auto, das schon durch seine äußere Proportionen zeigt, dass es ein vollelektrisches Fahrzeug ist. Während bei den herkömmlichen Autos die lange Motorhaube andeutete, dass sich „hier ein großer Motor versteckt“, fokussiert Mercedes mit seinem Elektrofahrzeug Design auf die Größe des Innenraums für die Passagiere. Wir sprechen hier von einem „One-Bow-Design“, das mehr Betonung auf den Fahrgastraum legt. Generell messen wir dem Innenraums immer mehr der Bedeutung zu, das Angebot von Entertainment im Auto ist für viele Käufer zum „Killer-Kriterium“ beim Fahrzeugkauf geworden – entsprechend groß ist unser Anspruch als Mercedes-Benz hier den Benchmark zu setzen.

Die EQS-Form hat aber auch einen technischen Grund. Das Fahrzeug wurde konsequent aerodynamisch optimiert und bietet mit 0,20 cw den niedrigsten Luftwiderstandsbeiwert unter den Serienfahrzeugen. Das wiederum führt zu besserer Effizienz und damit einer höheren Reichweite. Diese beträgt beim EQS bis zu 780 Kilometer laut WLTP-Norm. Der EQS illustriert gut, wohin die Reise für diesen Fahrzeugtyp geht. Für Sportfahrzeuge sind wir genauso konsequent unterwegs, aber die Anforderungen dieser Kundengruppen, und damit die Ausprägung des Fahrzeugs, unterscheiden sich natürlich gewaltig. Wir werden also auch in Zukunft eine große Vielfalt an Autos sehen. Design und Technologie werden sich weiter entwickeln, die Nachhaltigkeit begleitet uns mehr denn je, aber eines wird definitiv bleiben: ein Auto zu besitzen bedeutet Freiheit, es ist ein gewisser Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, und vor allem bringt es denjenigen, die es fahren, Freude.

Wolfgang Bremm von Kleinsorgen, Präsident von Mercedes-Benz Cars für Mittel- und Osteuropa CEO Mercedes-Benz Česká republika, s.r.o

Unsere neu vorgestellten Modelle – es gibt sechs reine Elektroautos und eine breite Palette von Plug-in-HybrideN&Nbsp;- beweisen, dass Luxus nicht im Widerspruch zu umweltfreundlichem Antrieb steht.

Die Entscheidungen, die heute in der Industrie getroffen werden, kommen in der Produktpalette in den nächsten 20 Jahren zum Tragen. Oft sprechen wir von einem Zyklus von sieben Jahren für ein Produkt bis zur Markteinführung.

Während früher die lange Motorhaube andeutete, dass sich „hier ein großer Motor versteckt“, fokussiert Mercedes mit seinem Elektrofahrzeug-Design auf die Größe des Innenraums für die Passagiere.

Dieser Artikel erschien in dem zweisprachigen Heft N&N Czech-German Bookmag, das sich mit faszinierenden Persönlichkeiten auseinandersetzt, die die Tschechen mit deren wichtigsten Nachbar Deutschland verbinden. Das N&N Czech-German Bookmag is bei Albatros Media zu bestellen.