Wir vergleichen: Außergewöhnliche Wolkenkratzer werden sowohl im progressiven Ostrava, als auch im „baulich konservativen“ Berlin geplant

Warum baut man weltweit Wolkenkratzer? Weil Baugrundstücke in den Städten fehlen und die Baukosten weiter steigen. Als 1968 der Wolkenkratzer in Ostrčilova Straße in Ostrava fertiggebaut wurde, war der Preis für einen Grundstück wahrscheinlich nicht so relevant wie heute. Doch wurde der Wolkenkratzer zu einem Geisterhaus. Das soll sich aber bald ändern. In Berlin wurde dagegen eine Bausperre für Hochhäuser für lange Zeit verhängt. Schon seit 1875 galt es, dass Häuser im Stadtzentrum nicht höher als 22 Meter sein durften. Aber die Zeiten ändern sich auch in Berlin. Und es ändern sich auch die Vorschriften und Gesetze.

4. 3. 2021

Der Wolkenkratzer Berlin. Foto: Mad Arkitekter.

Der Wolkenkratzer Ostrava, der auch als „Hochhaus“ bekannt ist, war früher ein experimentelles Wohngebäude mit 22 Geschossen. Ich komme aus Ostrava und ich kann mich gut daran erinnern, dass schon damals eher von einem „Haus des Schreckens“ als vom Stolz der Stadt geredet wurde. Diesen Namen hat das Gebäude vor allem der allgegenwärtigen Feuchtigkeit zu verdanken. Es war nicht ganz wasserdicht. Wenn es windig war, hatte man sogar eine reale Vorstellung davon, wie ein Erdbeben wohl beginnt.  

Hochhaus der Zukunft

Im Jahr 2020 entschloss sich das Magistrat der Stadt Ostrava, das Studio AI DESIGN von Eva Jiřičná und Petr Vágner mit dem Entwurf des Wolkenkratzerumbaus zu beauftragen. Das Studio bot eine Lösung, wie man die Höhendominante in Ostrava erhalten und das Gelände zugleich um ein ganz neues Element bereichern kann. Am Mittwoch den 20. Januar wurde der Entwurf der fachlichen Öffentlichkeit präsentiert.

Der Wolkenkratzer Ostrava, Foto: AI DESIGN.

„Der eigentliche Entwurf bringt ein neues, attraktives und funktionelles Haus mit einer starken Geschichte“, so der Bürgermeister von Ostrava Tomáš Macura. „Auch das Café im obersten Geschoss mit Aussicht auf die Stadt wird sicherlich in der Zukunft zum Magnet.“

Zum großen Teil besteht der Komplex aus 76 neu entworfenen Wohnungen verschiedener Größen: von 1 Zimmer mit Kochnische bis zu exklusiven Maisonettewohnungen in oberen Geschossen. „Damit die Wohnungen auch bei kleiner lichter Geschosshöhe geräumig und luftig wirken, sind ganzgläserne Fenster sowie erweiterte Balkone mit Grünflächen vorgesehen“, so Eva Jiřičná. In den Jahren 2021 bis 2022 sollte die Projektdokumentation erstellt werden, der Umbau könnte idealerweise 2023 aufgenommen werden. Der voraussichtliche Preis liegt bei 390 Millionen tschechische Kronen (samt Gebäude, das zum Parken bestimmt ist).

Der Wolkenkratzer Ostrava, Foto: AI DESIGN.

Wir fragten Peter Wagner nach weiteren architektonischen Plänen des AI DESIGN Studios. „Zurzeit befassen wir uns mit dem Aufbau der Fakultätskrankenhauses Pilsen, den wir „Wolke“ nennen. Dieser Name wurde bereits vom ehemaligen Chefarzt Koza verwendet, der schon leider gestorben ist. Er war der geistliche Vater dieser ganzen Bauaktion für das Tschechische Zentrale Knochenmarkspender-Register. Des Weiteren arbeiten wir am Entwurf des Wohnkomplexes Westpoint in Prag 6 und des Wohnkomplexes Rohanské nábřeží in Prag. In Zlín wird die Hauptaula der Tomáš Baťa Universität umgebaut. Im prunkvollen Schloss Pardubice entwarfen wir ein neues gesellschaftliches Flügel mit einem Saal für 270 Personen und wir glauben, dass die Arbeiten auch weiter fortgesetzt werden.

Bald kommt auch Ostrava Tower

Die weltweit bekannte Architektin Eva Jiřičná und der Architekt Petr Vágner entwarfen auch das Kongress- und Universitätszentrum in Zlín, den Bildungskomplex der Tomáš Baťa Universität in Zlín, die Wohnkomplexe Sky Barrandov in Prag und Sněžka in Mariánské Lázně (Marienbad), das Hotel Josef in Prag und die Neue Orangerie auf der Prager Burg. Für die Stiftung VIZE 97 planten sie den Umbau der St. Anna Kirche in Prag. In Großbritannien entwarf Eva Jiřičná AMEC Headquarters, den Bahnhof Canada Water, den Eingang und den Empfangsraum im Victoria & Albert Museum, Wohnhäuser, Einzelhandelsgeschäfte und zahlreiche Interieurs weltweit.

Eva Jiřičná und Petr Vágner, Foto: AI DESIGN.

Der Umbau des Wolkenkratzers Ostrava ist allerdings nicht das einzige Höhengebäude, das in Ostrava geplant wird. Gegenwärtig erfolgt eine geologische Untersuchung des Ortes, an dem es früher eine Grube gab und an dem der Wolkenkratzer Ostrava Tower mit zwei Türmen in der Zukunft  stehen soll. Ein Turm wird zu einem Wohnkomplex mit 48 Geschossen, der andere Turm soll als ein Verwaltungsgebäude mit 60 Geschossen dienen. Für den oberen Teil ist auch ein Aussichtsrestaurant geplant. Der höhere Turm soll 200 m hoch sein, ursprünglich wurden sogar 238 Meter erwogen. Der Wolkenkratzer Ostrava, dem ein Umbau bevorsteht, ist dagegen „nur“ 68 Meter hoch.

Pläne für Berlin

In Berlin wird nun über ein neues Gebäude geredet, das fast ein hundert Meter hoch sein soll. In jedem Fall hat man hier mit einem revolutionären Projekt im Berliner Stadtzentrum zu tun. Der Bau des komplett hölzernen Wolkenkratzers, der zum höchsten Gebäude nicht nur in Berlin, sondern auch in ganz Deutschland wird, ist nun Thema der dortigen Stadtpläner.

Das Gebäude soll 98 Meter hoch sein und 29 Geschosse mit einer Nutzfläche von 18 000 Quadratmeter haben. Es sollte 160 Wohnungen, Flächen zur öffentlichen Nutzung und Einzelhandelsgeschäfte unterbringen. Das ganze Gebäude sticht vor allem dadurch hervor, dass es komplett aus Holz entworfen wurde, nur der Kern und das Souterrain werden aus Stahlbeton sein.  

Der Wolkenkratzer Berlin. Foto: Mad Arkitekter.

Am Wettbewerb für den Entwurf des einzigartigen Projektes in Schöneberger Straße in Kreuzberg waren 14 bekannte europäische Architekten beteiligt. Zum Sieger wurde das innovative architektonische Studio Mad Arkitekter aus Norwegen. „Kreuzberg ist mannigfaltig und unkonventionell. Und ich finde es einfach toll, dass wir an diesem Projekt beteiligt sein konnten“, sagte zum Sieg im Wettbewerb der Mad Arkitekter Architekt und Partner Jonny Klokk. „Unser Hauptziel war es ein gutes und nachhaltiges Wohnprojekt für die Stadt sowie einen geeigneten Raum für das Alltagsleben der Benutzer und der Einwohner zu schaffen“, sagte er.

Im hölzernen Wolkenkratzer wird es Wohnungen zur Vermietung, Sozialwohnungen, Studentenwohnungen, einen Kindergarten und öffentliche Plätze und Räume für Einzelhandel geben. Diejenigen, die nicht an Höhenangst leiden, können den offenen Dachgarten im 29. Geschoss genießen, der den Besuchern eine 360° Panorama-Aussicht auf Berlin bietet. „Es handelt sich um die modernste soziale und klimatische Nachhaltigkeit“, so Klokk, der zusammen mit seinen Kollegen einen Hauch von nordischer Architektur und Ingenieurskunst nach Berlin bringt.

Der Wolkenkratzer Berlin. Foto: Mad Arkitekter.

Mad Arkitekter begeisterte die Jury vor allem mit seinem Design, der zum städtischen Kontext passt und zugleich eine Lösung für Wohnanforderungen bietet. Differenzierte Gebäude, die aus vier einzelnen Objekten bestehen, ließen sich von der typischen Kreuzberg-Struktur inspirieren und werden konsequent weiterentwickelt und optimiert. „Wir fanden eine gute Lösung, die unseren Ansatz zum Sozialmix und unsere Orientierung auf gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit widerspiegelt“, sagt im Namen des Bauherrn Thomas Bestgen, Direktor der Gesellschaft  UTB Projektmanagement GmbH und zugleich das Jurymitglied. Das Projekt befindet sich nun im Prozess der Entwicklungsplanung, die Beendung wird frühestens für das Jahr 2026 geplant. 2026 sollte übrigens auch der doppelt so hohe Wolkenkratzer Ostrava Tower fertiggebaut werden.

Petr Vágner, Danuše Siering und Eva Jiřičná, Foto: Danuše Siering Archiv.