Tschechien ist gar nicht mehr die Werkbank für deutsche Unternehmen. Botschafter Christoph Israng zieht Bilanz

“Für mich als Beobachter aus der Botschaft gesehen ist es nie langweilig die tschechische Politik zu verfolgen,” sagte Dr. Christoph Israng, der deutsche Botschafter in Prag, dem Magazin n&n. Er brach auch mit dem Klischee, Tschechien sei ein "Montagewerk" für deutsche Firmen. “Viele deutschen Unternehmen haben hier ihr Forschungszentrum für den ganzen weltweiten Konzern. Beispielsweise die Firma Bosch,” sagte er. “Wir sind Ihr größter Geschäftspartner, aber auch für uns spielt Tschechien eine sehr wichtige Rolle. Wir importieren mehr aus der Tschechischen Republik als aus Großbritannien,” stellte er fest.

29. 6. 2021

Christoph Israng, deutscher Botschafter in Prag. Foto: Botschaft der BRD.

Herr Botschafter, nach 4 Jahren endet Ihr Mandat in Prag. Versuchen Sie zu bilanzieren, was ist ihnen gelungen, womit sind sie nicht zufrieden?

Generell braucht man in den deutsch-tschechischen Beziehungen einen langen Atem und man braucht strategische Geduld. Wir haben so gute Beziehungen wie noch nie in der Geschichte, aber das heißt nicht, dass sie nicht besser sein könnten. In den vergangenen vier Jahren sind wir ein Stück vorrangekommen, aber es gab natürlich eine Verzögerung durch Corona. Wir begreifen uns noch mehr als vor fünfzehn Jahren als echte Partner und Freunde. Dieser Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen.

Versuchen Sie bitte diesen Prozess auf der politischen und kulturellen Ebene konkreter zu erklären.

Bei den Fachleuten und Experten gibt es in unterschiedlichen Bereichen schon seit längerem eine wirklich sehr enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Zum Beispiel bei der Polizei oder bei den Streitkräften. Auch entlang der Grenze gibt es ganz viele enge Kontakte. Wo wir noch nicht so weit sind, ist die Politik und in den Gesellschaften allgemein. Wenn man weiter ist von der Grenze, fehlt in Deutschland häufig das Wissen über Tschechien. Und in Teilen der tschechischen Gesellschaft fehlt ein bisschen noch das Vertrauen gegenüber Deutschland. Es wird auf beiden Seiten besser, aber wir müssen noch weiter dran arbeiten.

Wieso vertrauen die Tschechen nicht den Deutschen?

Das hat natürlich viel mit der Geschichte zu tun und ich habe selbst erlebt, dass gerade die jüngere Generation viel offener mit den Deutschen umgeht und uns mehr vertraut, als die ältere Generation. Auch dort bewegt sich etwas und da versuchen wir auch selbst dazu beizutragen, dass wir dieses Vertrauen in Zukunft auch verdienen. Das war zum Beispiel auch ein Grund, warum es für mich in meiner Amtszeit sehr wichtig ist gerade auch dieses historische Gedenken, diesen Anspruch gerecht zu werden und auch deutlich zu machen, dass Deutschland zu den dunklen Kapiteln seiner Geschichte steht.

Zu der Geschichte kommen wir noch, aber jetzt noch eine allgemeine Frage. Was könnten sich die Tschechen von den Deutschen nehmen und umgekehrt?

Das ist sehr schwierig zu sagen, weil man da sehr schnell bei Klischees ist. Wir sind beide moderne Gesellschaften, die sehr vielfältig sind und in beiden Ländern gibt es Personen die weltoffen sind, die offen sind für neue Ideen und andere die sich eher zurückziehen wollen. Insofern würde ich hier nicht sagen, dass man von einem typischen Deutschen etwas lernen sollte. Wichtig ist den Austausch zu suchen und nicht übereinander redet sondern miteinander. 

Christoph Israng, deutscher Botschafter in Prag, in einem Interview für die N&N magazine. Foto: Botschaft der BRD.

Wie in Tschechien stehen auch in Deutschland die Bundestagswahlen im Herbst bevor. Versuchen Sie abzuschätzen, wie die tschechisch-deutschen Beziehungen aussehen werden, wenn die Regierung von einem der Trios Annalena Baerbock, Armin Laschet oder Olaf Scholz gebildet wird? Erwarten Sie eine signifikante Änderung in den jetzigen Beziehungen?

Also zunächst ist es klar, dass es eine neue Person an der Spitze des Bundeskanzleramts geben wird. Höchstwahrscheinlich wird diese Person nicht eine persönliche Beziehung zu der Tschechischen Republik haben, so wie es Angela Merkel aufgrund ihres Lebenslaufes hat. Sie hat wirklich sehr viele persönliche, herzliche und freundschaftliche Beziehungen zu ihren Professoren, ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen von damals und auch zu den damaligen Forscherinnen und Forschern. Das wird nicht mehr so sein. Aber das Fundament der deutsch-tschechischen Beziehungen ist wirklich sehr solide. Und wir haben auch die richtigen Instrumente mit dem Gesprächsforum, mit dem Zukunftsfonds, mit dem strategischem Dialog der jetzt ergänzt wird mit dem Abstimmungskreis. Diese Instrumente werden weiter existieren und arbeiten. Ich mache mir daher keine Sorgen um den Weg der Verständigung und zukünftigen engen Zusammenarbeit.

Sicherlich haben Sie das Verhalten Deutschlands und Tschechiens während der Pandemie beobachtet. In Deutschland haben wir die Bundeskanzlerin Angela Merkel oder den Gesundheitsminister Jens Spahn gesehen, die sich von Experten wie zum Beispiel Professor Lothar Wieler aus dem Robert-Koch-Institut oder den Virologe und Epidemiologen Christian Drosten aus der renommierten Berliner Charité umgegeben und beraten lassen und haben ihnen auch sehr ernst zugehört. Die tschechischen Politiker haben die Meinungen von Experten zumindest am Anfang ignoriert und nicht ernst genommen. Wie erklären Sie sich einen so anderen Ansatz und warum hat Tschechien nach Ihrer Meinung nach die deutsche Hilfe abgelehnt, als hier jeden Tag hunderte Leute starben?

Corona ist natürlich eine ganz neue Herausforderung und neu für alle und jeden Einzelnen. Das gilt auch für die Politik. Deswegen gibt es kein Rezept, wie man am beste damit umgehen kann. Für alle Regierungen ist es eine ganz neue Erfahrung, deswegen gibt es auch nicht die eine richtige Umgehensweise damit. In Deutschland haben tatsächlich die Experten eine größere Rolle gespielt in den öffentlichen Wahrnehmungen und auch in den täglichen Pressekonferenzen des Robert-Koch-Institutes. Teilweise gibt es in Tschechien keine vergleichbare Institutionen. Das Urteil darüber, welcher Weg der beste ist, das würde ich mir gar nicht anmassen, weil ich kein Experte bin. Was die deutsche Hilfe angeht, ist jedoch einiges angenommen worden von der tschechischen Seite. Zum Beispiel die hundert Beatmungsgeräte, die wir übergeben haben. Wir haben Impfdosen nach Karlsbad und in andere Regionen gebracht. Es waren hier auch zwei Ärzte der deutschen Bundeswehr hier im Prager Militärkrankenhaus. Es gab Lieferungen von Schnelltests und es wurden gemeinsam auch Proben sequenziert. Das war ein wichtiges Projekt zusammen mit der Technischen Universität in Dresden. Also da gab es schon eine sehr enge Zusammenarbeit. Was nicht angenommen wurde, war die Übergabe von tschechischen Covid Patienten in deutsche Krankenhäuser. Das haben andere Länder anders gemacht, wie zum Beispiel Belgien, Niederlande, Frankreich oder Italien. Diese Länder haben es nicht als eine nationale Frage gesehen, sondern eine konkrete Herausforderung hatten und deswegen die Hilfe angenommen haben. Ich glaube hier ging es auch da drum zu zeigen, dass man mit dieser Herausforderung alleine fertig wird. Das tschechische Gesundheitssystem hat ja auch wirklich hervorragendes geleistet, beispielsweise ist die Fallsterblichkeit in Tschechien niedriger als in Deutschland. Das hat sicherlich auch etwas mit der Leistung des tschechischen Gesundheitssystems und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu tun.

Bleiben wir noch beim Thema Langzeitstrategie in Deutschland im Vergleich zu der Tschechischen Republik. Langfristig beobachten wir in Deutschland eine stabile Regierung. Angela Merkel ist jetzt sechzehn Jahre im Amt, auch die meisten ihrer Vorgänger waren sehr lange als Kanzler tätig. Allgemein könnte man sagen, dass sich Deutschland sehr stabil und konsistent darstellt. Wieso funktioniert diese Stabilität nicht in Tschechien? Wir haben jetzt mit Andrej Babiš seit 1992, wann sich die Tschechoslowakische Republik getrennt hat, den zwölften Regierunschef im Amt.

Es ist natürlich immer die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler. Allerdings gibt es jetzt in Deutschland auch eine Diskussion darüber ob vielleicht die Amtszeit der Bundeskanzlerin oder des Bundeskanzlers nicht begrenzt werden soll. Wie diese Diskussion ausgeht, das werden wir sehen. Am Ende geht es aber um eine demokratische Entscheidung.

Christoph Israng, deutscher Botschafter in Prag, in einem Interview für die N&N magazine. Foto: Botschaft der BRD.

Deutschland ist seit langem der größte Handelspartner Tschechiens. Es gibt jedoch immer mehr Meinungen, dass sich Tschechien langsam umschalten sollte und nicht nur als eine „Montagefabrik“ für wohlhabende deutsche Unternehmen sein soll. Positiv ist, dass deutsche Unternehmen auf unserem Territorium viele Arbeitsplätze schaffen, das Kapital konzentriert sich aber schließlich fast nur in Deutschland. Wie sehen Sie die Entwicklung der tschechisch-deutschen Geschäftsbeziehungen aus einer langfristigen Perspektive?

Ich denke, dass das nicht das Bild ist, was wir heute in deutsch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen sehen. Die deutschen Investitionen haben sich auch deutlich weiterentwickelt. Tschechien ist gar nicht mehr die Werkbank für Deutschland und deutsche Unternehmen. Es ist ein wichtiger Bestandteil in allen Bereichen, gerade auch im Forschungs- und Entwicklungsraum. Viele deutschen Unternehmen haben hier ihr Forschungszentrum für den ganzen weltweiten Konzern. Beispielsweise die Firma Bosch hat in Südböhmen ein großes Entwicklungszentrum für Ingenieure gebaut. Die machen dort eine ganz zentrale Arbeit für das gesamte Unternehmen. Also es ist deutlich mehr, als nur dieses alte Bild der verlängerten Werkbank. Auch für uns spielt Tschechien eine sehr wichtige Rolle. Es ist der zehntwichtigste Handelspartner, wir haben ein deutlich höheres Handelsvolum mit der Tschechischen Republik als mit der Russischen Föderation. Wir importieren mehr aus der Tschechischen Republik, als wir aus Großbritannien importieren. Insofern profitiert die Tschechische Republik und die Leute hier von diesem engen Austausch und Handelsvolum. Viel von den erwirtschafteten Dingen fließt auch eben zurück in die tschechischen Unternehmen, durch die die Forschung weiter ausgebaut wird. Also es ist schon so, dass beide Seiten aus diesem Austausch profitieren.

Würden Sie Tschechien empfehlen die tschechische Krone aufzugeben und den Euro einzuführen?

Das ist eine Entscheidung, die die Tschechen treffen müssen. Wir Deutschen habe eine sehr gute Erfahrung mit dem Euro gemacht. Ich glaube auch die Slowakei hat gute Erfahrungen mit der Einführung gemacht. Manche sagen, dass die Länder, die im Export stark sind, besonders vom Euro profitieren. Das wäre in der Tschechischen Republik sicherlich auch der Fall, als ein wirklich exportstarkes Land. Wir würden uns freuen, wenn Tschechien zum Euroraum dazu kämen. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Tschechin würden noch stärker werden. Es wäre nochmal leichter mit einem tschechischen Unternehmen in einen Austausch zu treten. Vielleicht ist es auch nur psychologisch, aber allein das hilft ja schon bei vielen Dingen und stärkt die Wahrnehmung des gemeinsamen Wirtschaftsraums. Auch dem Tourismus würde das sicherlich hilfreich sein.

Wir beobachten einen parallelen Anstieg von nationalistischen Stimmen, in Deutschland vor allem im ehemaligen Ostblock, in Tschechien geht se um ein landesweites Phänomen. Sind das Ihrer Meinung nach Proteststimmen (potenzieller) Wähler gegen das Regierungsestablishment oder wo liegen die Wurzeln dieses Problems?

Also ein Teil sind sicherlich Proteststimmen. Man muss auf jedem Fall dieses Problem ernst nehmen. Es ist wahrscheinlich ein Gefühl der Unsicherheit. Viele Leute fühlen sich unsicher angesichts der Veränderungen in der Welt. Dann ist die Frage wie man darauf reagiert, ob man sich abschotten kann von diesen Veränderungen und ob wenn man das tut, ob das Problem vielleicht nicht größer wird, weil man sich gar nicht abschotten kann von den ganzen Veränderungen. Das ist ein Gefühl, das die Politik allgemein sehr ernst nehmen muss. Das gilt für Tschechien und auch für Deutschland.

Ich habe vor einiger Zeit mehr als ein Jahr in Leipzig verbracht und konnte dort beobachten, dass sich der ehemalige deutsche Ostblock immer noch sehr getrennt zu Westdeutschland fühlt. Wie denken Sie als Deutscher über dieses Problem nach?

Nach mehr als dreißig Jahren der deutschen Einheit gibt es noch Unterschiede. Aber es ist natürlich auch umgekehrt vieles zusammengewachsen. Es gibt viele Deutsche die sowohl in den ehemals alten, als auch jetzt in den neuen Bundesländern gelebt haben und dadurch zu einem Austausch führen. Diese Diskussion wird in Deutschland sehr aktiv geführt.

Wenn Sie mit deutschen Politikern sprechen, in welchem ​​Licht sieht die deutsche Seite den tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš und den Präsident Miloš Zeman?

Für mich als Beobachter aus der Botschaft gesehen ist es nie langweilig die tschechische Politik zu verfolgen. Hier passiert immer wieder etwas Überraschendes und es ist immer sehr spannend. Für die deutschen Politiker sind die genannten Persönlichkeiten natürlich wichtige Ansprechpartner, weil sie in diesen Funktionen sind. Sie sind ja nicht zufällig in diese Funktion gekommen, sondern durch entsprechende demokratische Prozesse. Deswegen ist der Austausch sehr wichtig. Natürlich gibt es auch mal Meinungsverschiedenheiten und die muss man dann eben in einem offenen und vertrauensvollen Dialog ausdiskutieren.

Deutschland ist eines der Gründungsmitglieder der Europäischen Union und spielt zusammen mit Frankreich aufgrund seiner Größe eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der EU-Politik. Die Tschechen haben ein eher misstrauisches Verhältnis zur EU, und anstatt die (nicht nur finanziellen) Vorteile ihrer Mitgliedschaft hervorzuheben, suchen sie ständig nach Fehlern. Kann dieser Ansatz der Tschechischen Republik in Zukunft schaden?

Es ist richtig, dass sowohl Tschechien auch Deutschland aus der EU-Mitgliedschaft profitieren. Beide sind umgeben von befreundeten und verbündeten Ländern, wo wir den Austausch mit Handel und auch vielen sozialen und kulturellen Dingen nochmal gesteigert haben. Wir sind in einer ähnlichen strategischen Lage und profitieren davon. Gleichzeitig ist es in der Tat erstaunlich, dass die Zustimmungswerte in der Tschechischen Republik niedriger sind, als in anderen Ländern. Aber durch die jüngsten Umfragen habe ich den Eindruck, dass es sich langsam bessert und dass die Tschechen der Europäischen Union mehr vertrauen. Trotz aller positiven Grundeinstellungen ist es natürlich auch berechtigt Brüssel kritisch zu hinterfragen und konstruktiv Verbesserungen zu fordern und vorzuschlagen. Insgesamt glaube ich könnte auch Deutschland und Tschechien mehr gemeinsam machen. Damit haben wir schon angefangen: das ist ein Teil des Strategischen Dialogs, dass wir zum Beispiel Dinge zusammen vorschlagen in der Europäischen Union. Da gibt es viele Kontakte zwischen den beiden Regierungen, es wird auch viel über die anstehende tschechische Ratspräsidentschaft diskutiert.

Die tschechisch-deutschen Beziehungen im Bereich Kultur und Bildung werden vor allem durch das Abkommen über gute Nachbarschaft von 1992 und die deutsch-tschechische Erklärung, die 1997  in Kraft getreten ist, bestimmt. Wohin haben sich diese Beziehungen während Ihrer Tätigkeit in Prag bewegt?

Sie haben sich weiter intensiviert, wobei man sagen muss durch die Corona Restriktionen gab es eine Pause und wir haben Zeit verloren, weil einfach viele Kontakte nicht stattfanden. Jetzt sind wir aber sehr gut vorbereitet da wieder durchuzustarten und wieder Menschen zusammenzubringen. Die direkten Kontakte haben sich aber in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Sehr stolz sind wir auf den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfond, der pro Jahr über sechshundert deutsch-tschechische Projekte aus der Zivilgesellschaft fördert. Dadurch lernen auch die Deutschen mehr über ihren Nachbarpartner Tschechien und die Tschechen bekommen dadurch mehr Vertrauen in die Deutschen.

Wie war es, in einem Land zu agieren, das die neue Klimapolitik der EU in den letzten Jahren eher gebremst hat?

Auch hier in Tschechien ist in den letzten Jahren eine Diskussion entstanden, die nicht mehr vergleichbar ist mit der Situation vor zehn Jahren. Es hat sich auch hier weiterentwickelt. Ich glaube, dass auch viele Tschechen zu Recht stolz sind auf ihr Land und auf ihre Heimat. Dazu gehört auch dieses Land zu schützen. Dadurch ist auch eine Diskussion im Gange, die sich weiterentwickelt. Wir versuchen natürlich für eine engagierte Klimapolitik zu werben. Natürlich ist es aber im Finale wieder die Entscheidung der Tschechen, wie sie Dinge vorantreiben.

Konzentrieren wir uns in diesem Zusammenhang auf die sehr starken Präferenzen der deutschen Grünen, die bei der Herbstwahl die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock aufstellen werden. Wie erklären Sie sich den Aufstieg der deutschen Grünen und warum sind nach Ihrer Meinung nach Die Grünen in Tschechien so schwach.

Das könnte natürlich viel besser ein Politologe beantworten. In der deutschen Diskussion spielt die Klimapolitik eine sehr wichtige Rolle. Da wird eben in Umfragen den deutschen Grünen besonders viel zugetraut. Es ist aber gleichzeitig der Grund, wieso viele andere Parteien die Klimaschutzpolitik sehr prominent in ihre Programme aufgenommen haben. Bei einem Teil der Bevölkerung spielen sicherlich auch Persönlichkeiten eine Rolle und natürlich auch der Wunsch nach Veränderungen. Das erklärt, dass die grüne Kanzlerkandidatin (Annalena Baerbock) mit viel Rückenwind gestartet ist. Aber das ist ein Prozess und man sieht auch nach den letzten Umfragen, dass sich die Lage verändern kann im Laufe der Zeit. Bis zur Bundestagswahl ist noch etwas Zeit und genauso ist es auch hier noch etwas Zeit bis zu den Wahlen. Vielleicht werden hier andere Themen bei der Wahlentscheidung eine wichtige Rolle spielen, als in Deutschland. Natürlich gibt es in Tschechien auch andere Parteien die den Wunsch nach Veränderungen fördern und deswegen weniger Raum für die tschechischen Grünen übrigbleibt.

Auch nach über siebzig Jahren ist die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945-1946 ein sehr sensibles Thema. Welche Emotionen sind in ihnen aufgewacht bei Ihrem Besuch in der sudetendeutschen Region?

Ich selber habe keine familiären Beziehungen zum Sudetenland. Ich habe einmal mit einem Freund ein Besuch in Südmähren gemacht, dessen Großeltern und Eltern aus Südmähren stammen und er war zum ersten Mal dort und hat das Grab seines Onkels und seiner Großeltern besucht. Er war sehr bewegt, als er gesehen hat, dass das Grab von der lokalen Gemeinde sehr gepflegt worden ist. Er war sehr berührt, dass sich die Tschechen um das Grab kümmern. Für ihn persönlich hat es nochmal die Verbindung zu den Wurzeln seiner Familie gestärkt. Das ist natürlich eine große Chance für die deutsch-tschechischen Beziehungen, dass diese Gruppe von Deutschen sich eben interessiert für die Tschechische Republik. Diese Leute kommen hierher nicht nur als Touristen, sondern investieren hier auch, zum Beispiel in eine Renovierung der Kirche etc. Ich freue mich sehr, dass immer mehr Tschechen dieses deutsche Erbe als Chance begreifen und nicht als Bedrohung. Ich hoffe sehr, dass die Gruppe der Extremisten, die das als Bedrohung versucht darzustellen, immer kleiner wird und dass auch die große Mehrheit der tschechischen Politiker Versuche dieser Extremisten, die Kooperation zwischen Deutschland und Tschechien zu erschweren, nicht zulassen, sondern sich klar dagegenstellen. Und ich hoffe, dass wir diese Gruppe der Sudetendeutschen als Brücke zwischen unseren beiden Ländern noch mehr nutzen können.

Mein Redaktionskollege hat mit mehreren Deutschen gesprochen, die zur Internetgeneration Z gehören. Wenn es um die tschechoslowakische Geschichte ging interessanterweise kannte fast jeder den Begriff Prager Frühling, aber kaum jemand wusste, worum es im Zusammenhang mit dem Münchner Abkommen ging. Glauben Sie, dass das Münchner Abkommen im deutschen Lehrplan übersehen wird?

Ich habe in dieser Sache einen anderen Eindruck. Ich habe meinen Sohn gefragt, der sechszehn Jahre alt ist und in der Nähe von München auf ein Gymnasium geht, ob sie das Thema des Münchner Abkommens im Geschichtsunterricht hatten und er hat gleich ja, natürlich geantwortet. Ich kann mich auch auf meine Schulzeit in Bayern erinnern, da war es auch ein wichtiger Teil in meinem Unterricht. Sehr genau erinnere ich mich auf Bilder aus dem Geschichtsbuch. Dieser Aspekt geht nicht verloren und es ist eine wichtige Aufgabe für die Politik daran zu erinnern. Für mich war es ein wichtiges Anliegen, als meine drei Söhne hier in Tschechien waren, dass ich mit ihnen nach Lidice zu dem Kinderdenkmal gefahren bin und dass sie zum Beispiel hier in der Botschaft eine Holocaust-Überlebende getroffen haben, damit sie wissen, was in der Geschichte passiert ist und eben auch um die besondere Verantwortung Deutschlands wissen.

Hier finden sie den Text in der tschechischen Sprache.