Tschechen trauen Impfstoffen nicht, Deutsche aber schon

Impfungen wirken unabhängig von der Nationalität gleich gut. Andererseits ist der Widerstand dagegen von Land zu Land sehr unterschiedlich. Tschechen und Deutsche sind da keine Ausnahme.

16. 8. 2021

Impfungen können bei Menschen die seltsamsten Reaktionen hervorrufen – womit allerdings keine rein biologische Reaktionen gemeint sind. Bereits der erste Impfstoff, der Ende des 18. Jahrhunderts von dem Engländer Edward Jenner gegen die Pocken entwickelt wurde (das Wort kommt vom lateinischen vacca – Kuh; Louis Pasteur setzte sich dafür ein, dass alle Impfstoffe zu Ehren Jenners, der als erster Kuhpockenschorf als Wirkstoff verwendet hatte, so genannt wurden), sorgte für Aufruhr, als die (gottes)gläubigen Menschen nicht an die Impfung glaubten und sie stattdessen als ein gegen den Willen Gottes wirkendes Element wahrnahmen.. Wenn der Herr will, dass wir an Pocken sterben, hat er einen guten Grund, und diejenigen, die sich ihm widersetzen, handeln gottlos, so ihr Argument.

Der gefälschte deutsche Fernsehbericht

In den mehr als zweihundert Jahren danach haben wir uns nicht viel bewegt. Zumindest scheint es so, wenn man sich die Argumente der heutigen Impfgegner ansieht, die viel ausgefeilter sind als die kunstlose Übertragung von Eiter von kranken Jenner-Kühen auf den Menschen. Doch schon ein flüchtiger Vergleich der beiden zeigt eine weitere Besonderheit. Die Angst vor dem Impfen hat oft die Form von umfassenderen und tieferen Ängsten, unter denen die betreffende Gruppe von Impfgegnern leidet (wie alle Anhänger absurder Überzeugungen neigen die Impfgegner dazu, sich zu versammeln, sowohl physisch als auch online). Und wie immer geht der Mangel an Vertrauen in eine unangenehme Neuheit mit einem irrationalen blinden Vertrauen in etwas anderes, etwas Vertrautes einher. Für die englischen Gläubigen vor 200 Jahren spielte diese Rolle die religiöse Lehre. Den tschechischen Neinsagern von heute sei gesagt, dass derselbe Dienst von Deutschland erbracht wird, obwohl die Deutschen selbst daran völlig unschuldig sind. 

Die Tschechen neigen im Allgemeinen zu Skepsis und Zynismus, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Anti-Impf-Kampagne sich bei ihnen weitgehend auswirkte. Heute ist jedoch fast vergessen, dass einer der größten Erfolge der Kampagne ein virales Video war, das sich als deutscher Fernsehbericht ausgab. In Wirklichkeit handelte es sich um das Werk der Schweizer Sekte Organic Christ Generation, was normalerweise schon für ein wenig Skepsis sorgen sollte. Die Behauptung, dass ein mRNA-artiger Impfstoff die DNA eines Patienten verändern kann, ist wahrscheinlich nicht mehr überraschend. Das Vertrauen in ein bekanntes Medium – YouTube oder Facebook – und in die Fähigkeit der Deutschen, sich eine technisch perfekte teuflische Idee einfallen lassen, überwog hier den Rest an gesundem Menschenverstand, wenn es überhaupt einen gab.

Unverschämte Vergleiche

Die Deutschen selbst nehmen Covid gewissermaßen konsequent auf. Es waren zwei türkischstämmige Deutsche, die die Firma BioNTech gründeten, die zusammen mit der amerikanischen Firma Pfizer einen der erfolgreichsten Impfstoffe entwickelte. Es handelt sich um das deutsche Unternehmen CureVac, dessen Impfstoff den Ehrgeiz hat, die Welt mit billiger Prävention gegen Covid zu überschwemmen (dass er derzeit nicht ausreichend wirksam ist, ist eine andere Sache). Es waren die Deutschen, deren Bundesregierung sich erfolgreicher als die meisten anderen westlichen Länder um ein Gleichgewicht zwischen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Anforderungen bemüht hat. Anfang August erlaubte sie die Impfung der 12- bis 17-Jährigen; zu diesem Zeitpunkt waren 96 Millionen Impfstoffdosen an über 55 Prozent der deutschen Bevölkerung verabreicht worden (in der Tschechischen Republik waren es nur 47 Prozent).

Aber auch die deutschen Impfgegner haben die Krankheit mit der gleichen Konsequenz aufgegriffen. Anfang August entdeckten die Behörden, dass eine gegnerische Krankenschwester irgendwo in Friesland 8.600 „Impfstoffdosen“ verteilt hatte, die statt des Wirkstoffs eine harmlose Kochsalzlösung enthielten. Woher kommt ein solches Verhalten? Wir wissen es nicht genau, aber wir kennen den Hintergrund. “Impfen macht frei“, verkündete ein Transparent auf der letztjährigen Demonstration von 40.000 Menschen am 17. Juli. Der Verweis auf den berüchtigten Auschwitz-Spruch war das Argument der deutschen Anti-Nazis. Andere Teilnehmer der Demonstration wiederum trugen Reichsflaggen und brachten ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass der Covid nicht existiere und dass die Gerüchte darüber lediglich das Ergebnis einer Anstrengung des Weltjudentums unter der Führung von Bill Gates seien (ungeachtet der Tatsache, dass Gates nicht mehr jüdisches Blut hat, als in eine Spritze passt), um die Welt zu übernehmen. 

Das deutsche Facebook, in dem es von Anhängern des ursprünglich amerikanischen Bündels absurder Überzeugungen namens QAnon nur so wimmelt, ist besonders reich an Behauptungen wie „Faschismus unter dem Deckmantel der Gesundheit“. Zum ersten Mal gehen die Extremisten beider Seiten gemeinsam. Die Impfung ist neu, die Angst bleibt dieselbe.