Štěpán Altrichter: Tschechen improvisieren besser, Deutsche organisieren

Der Drehbuchautor und Regisseur Štěpán Altrichter (1981) lebt seit seinem zwölften Lebensjahr abwechselnd in der Tschechischen Republik und in Deutschland. Sein Debüt gab er mit Schmitke (2014), einer absurden Tragikomödie aus dem Erzgebirge, einer tschechisch-deutschen Koproduktion. Der Film wurde für neun Tschechische Löwen nominiert, von denen er zwei gewann, sowie für drei Preise der tschechischen Filmkritik. Auch sein nächster Film, Národní třída (Nationalstraße), ein schwarzhumoriges Drama nach dem Buch von Jaroslav Rudiš mit Hynek Čermák in der Hauptrolle, erhielt ebenfalls drei Nominierungen für den Tschechischen Löwen. In einem Interview mit N&N beschreibt er die Unterschiede in der Herangehensweise an den Film und das Filmemachen in der Tschechischen Republik und in Deutschland und offenbart, was er erlebte, als er an einer deutschen Schule in eine Mädchenklasse versetzt wurde, obwohl er überhaupt kein Deutsch sprach.

11. 11. 2021 | Hedvika Petrželková

Der Drehbuchautor und Regisseur Štěpán Altrichter. Foto: Archiv Štěpán Altrichter

Sie sind in Brno geboren, aber dank der Arbeit Ihres Vaters haben Sie als Kind viele Jahre in Deutschland verbracht, wo Sie schließlich Ihr Hochschulstudium abgeschlossen haben, und jetzt leben Sie abwechselnd in Berlin und Prag. Wie war Ihre Kindheit in Deutschland, wie war der Wechsel von einem Land ins andere? Das war Anfang der 90er Jahre, ein paar Jahre nach der Revolution… Wie haben Sie damals die Veränderungen und das Umfeld wahrgenommen? 

Damals machte es mehr Unterschied als heute. Ich war zuvor noch nie „draußen“. Ich war sehr aufgeregt, meine Großmutter empfing damals den ORF und ich stellte mir vor, dass es im Westen wie in der Serie Knight Rider sein würde, die dort lief. In Prag ging auf das Erzbischöfliche Gymnasium und habe mich dort großgetan, dass wir nach Deutschland fahren würden. Aber als wir dort ankamen, war es ein Schock. Wir zogen nach Konstanz am Bodensee, sicher eine schöne gotische Stadt, aber im Vergleich zu Prag war Konstanz ein Kaff… sehr konservativ,  wenige Ausländer… Und dann geschah ein Missverständnis, in der Schule kam ich in eine reine Mädchenklasse. Ich war damals zwölf und sprach kein Wort Deutsch, ich war perplex  und beängstigt… Ich beschwerte mich bei meinem Vater, aber er sagte, dass ich ihm eines Tages dankbar sein würde. Das Trauma, das ich dadurch erlitt, habe ich dann etwa zwanzig Jahre lang psychotherapeutisch behandelt. Übrigens schreibe ich darüber auch ein Drehbuch mit dem Titel Dívčí třída (Mädchenklasse), und selbstverständlich wird es ein Lustspiel sein- so eine Art urkomisches Musical mit Musik aus dieser Zeit – Eurodance – und einer ziemlich verrückten Handlung. 

Wie lange waren Sie in der Mädchenklasse?

Vier Jahre, und drei davon habe ich mit niemandem gesprochen. Dann habe ich angefangen zu reden und bin sofort von der Schule geflogen. 

Jedenfalls haben Sie überlebt, Gott sei Dank, und nach der Schule studierten Sie Philosophie und Psychologie an der Universität… 

Ich bin vor allem deshalb dorthin gegangen, um nicht zur Armee in der Tschechischen Republik eingezogen zu werden, die damals noch obligatorisch war. Aber mich hat dieses Fachgebiet immer interessiert, weil ich gern die menschliche Natur erforscht habe. Und ich hatte auch schon das Gefühl, dass ich Filme machen wollte, und wusste, dass es in Deutschland besser ist, sich an einer Filmhochschule zu bewerben, wenn man so um die fünfundzwanzig ist. Ich habe also ein bisschen beim Film gearbeitet und ein bisschen studiert, und vor allem wollte ich etwas in den Händen haben, wenn es mit dem Filmstudium nicht klappen sollte.

Sie haben schließlich in Deutschland Film studiert, aber Sie wurden auch an der tschechischen Film- und Fernsehfakultät (FAMU) angenommen. Warum haben Sie sich für die Schule in Deutschland entschieden? 

Ich habe mich an beiden Schulen beworben und wurde an beiden angenommen, so dass ich mich zwischen Potsdam und Prag entscheiden musste. Am Ende entschied ich mich für die deutsche Schule, vor allem weil ich dort eine Freundin hatte. Ansonsten waren die Schulen sehr ähnlich, sie arbeiteten nach demselben ursprünglichen Moskauer Modell. Auch wenn vielleicht die FAMU ein bisschen freigeistiger ist. Aber ich hatte das Glück, während meines gesamten Studiums als eine Art Schattenstudent an der FAMU zu bleiben, und ich hatte Kontakt zu meinen Klassenkameraden, und ich habe auch meine Schulfilme gedreht, sowohl im Grund- als auch im Hauptstudium, mit einem Team, das halb deutsch und halb tschechisch war.  

Verschiedene Welte

Worin sehen Sie die Unterschiede der deutschen und tschechischen Filmwelt? 

Da Prag und Berlin nur dreihundertfünfzig Kilometer voneinander entfernt sind und beide Länder der Europäischen Union angehören, hatte ich gehofft, dass nach meinem Abschluss alles sehr gut miteinander verbunden und einfach sein würde. Ist es aber nicht. Deutschland ist viel mehr mit dem französischen oder auch dem polnischen Filmmarkt verbunden als mit dem tschechischen. Die tschechische und die deutsche Filmindustrie sind zwei völlig unterschiedliche Welten. Die Menschen kennen sich untereinander kaum, sie wissen nicht, was in den Ländern der anderen filmisch passiert. Das ist dann auch ein Handicap in meinen tschechisch-deutschen Filmstoffen. Wenn jemand versucht, eine Verbindung herzustellen, wie es beispielsweise Jaroslav Rudiš in der Welt der Literatur tut, ist das einzigartig. Dafür erhielt Jára kürzlich die höchste deutsche Auszeichnung. Es ist merkwürdig, dass es eine wirtschaftliche Verbindung gibt, aber kaum eine kulturelle. 

Was ist also der Unterschied zwischen Dreharbeiten in Deutschland und in der Tschechischen Republik? 

Was die Filmindustrie anbelangt, so ist sie in beiden Ländern äußerst different. Die deutschen Länder sind aufgrund ihrer Größe ein großer Markt, der tschechische Markt ist marginal… Schon das ist essentiell. In Tschechien wird der Film eher als Kunst verstanden, in Deutschland hingegen ist der wirtschaftliche Aspekt vorherrschend, was ich für nicht so gut halte. Der tschechische Filmfonds ist historisch stärker mit dem Kulturministerium verflochten, während die deutschen Filmförderungen bis auf zwei Ausnahmen eher mit Wirtschaftsministerien und Investitionsbanken verbunden sind. In Tschechien sind auch die einheimischen Filme vielbesucht, die Deutschen gehen nicht so oft in deutsche Filme. Sie halten nicht einmal viel von deutschen Filmen. Wenn die Deutschen die Filmindustrie unterstützen, dann vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen- um Arbeitsplätze zu schaffen, was bedeutet, dass 80 % der Gelder an große amerikanische Produktionen gehen, die in Deutschland gedreht werden, und an deutsche kommerzielle Großprojekte. Nur ein Minimum geht an kleinere Produktionen, bei denen dann die gesellschaftspolitische Rolle wichtiger ist als die künstlerische Qualität selbst. Es ist schwierig, dort etwas Neues im künstlerischen Sinne anzustoßen. In Tschechien ist das meiner Meinung nach wesentlich besser. Der tschechische Fonds der Kinematografie ist neuen Ideen gegenüber offen, er hat keine Angst, Filmemachern, die sich erproben und experimentieren wollen, zu vertrauen, zumindest nach meiner Erfahrung. Das war auch bei meinem Debütfilm Schmitke der Fall. Damals sagten sie beim Fonds der Kinematografie zu uns: „Das ist so seltsam, dass wir sehen wollen, ob das funktioniert“, wogegen die Argumentation in Deutschland war: „Das ist so seltsam, dass wir nicht riskieren können, dass es nicht funktioniert.“ Genau das ist der Unterschied.

Und wie sieht es bei den eigentlichen Dreharbeiten aus?

Auch das ist etwas ganz anderes. Die Deutschen sind perfekt organisiert, sie haben alles geplant und finanziert, so dass die Dreharbeiten ruhig und reibungslos verlaufen, nichts muss in letzter Minute besorgt werden. Aber auch hier gilt, dass man während der Dreharbeiten nicht improvisieren oder die Vision ändern kann. In Tschechien ist es ein bisschen umgekehrt – Projekte sind oft nicht ausreichend finanziell abgesichert, und dieser Unterschied in der Mentalität spiegelt sich auch in den Drehbüchern wider, denen es bei uns manchmal ein wenig an Struktur fehlt, an Abgeschlossenheit, es wird nicht so dramaturgisch an ihnen gearbeitet, obwohl sich das bessert – und in Deutschland fehlt es dagegen etwas an Idee und Freiheit… Für mich wäre die ideale Welt, wenn Filme mit tschechischen Inhalten, mit tschechischer Freiheit und Kreativität, aber mit deutscher Organisation gemacht würden. Aber das ist wahrscheinlich eine Utopie.

Wenn wir vom Filmemachen zu den menschlichen Charakteren kommen, wie würden Sie die tschechische und deutsche Natur charakterisieren? Gibt es so etwas überhaupt? 

Ich denke, dass Tschechen den Ostdeutschen oft näher stehen als sie selbst den Westdeutschen. Bezogen auf den Humor, aber auch auf verschiedene extremistische Stimmungen. Es stimmt auch, dass die Deutschen sehr viel Wert auf Regeln und Vorbereitung legen, während die Tschechen entspannter sind. In Deutschland rauft man sich manchmal die Haare, wenn jemand abstrakte Regeln befolgt, die in diesem Moment menschlich gesehen keinen Sinn machen. In Tschechien würde man sich manchmal wiederum wünschen, dass Regeln ab und an mehr eingehalten würden, zum Beispiel in der Politik. Leider sind die Deutschen gelegentlich engstirnig, und damit haben nicht nur die Tschechen zu kämpfen, sondern auch andere Nationalitäten, wie z.B. die Italiener, von denen es hier auch viele gibt… Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen sind den Deutschen zwar sehr wichtig, indes stellen sie das Recht oft über die Menschlichkeit, wenn es nur um eine Formalität geht, z. B. wenn sie einen Fahrschein auf der falschen Seite abstempeln. 

Der Film Národní třída (Nationalstraße) wurde unter der Regie von Štěpán Altrichter nach dem gleichnamigen Buch von Jaroslav Rudiš gedreht.

Aber andererseits funktioniert die Absicherung der Bürger, das Sozialsystem in Deutschland gut, nicht wahr?

Ja, die Sozialleistungen sind hier hoch, aber die Bürokratie auch immens. Kürzlich war ich auf einem Amt, in dem der Beamte fast weinte, als er sagte, dass es ihm oft nahezu unmenschlich erscheine, welch offizielle Schreiben er manchen Leuten schicken müsse, und er nichts dagegen tun könne. Was uns in der Tschechischen Republik ein wenig fehlt, nämlich Solidarität mit Ärmeren und mehr soziales Mitgefühl, hat in Deutschland den gegenteiligen Effekt erzielt – die mit der Sozialhilfe verbundene Bürokratie erdrückt die Menschen, anstatt ihnen zu helfen. In der Tschechischen Republik ist es definitiv einfacher, etwas zu tun, z. B. ein Unternehmen zu gründen oder mit 30 Jahren Bürgermeister zu werden… In Deutschland ist alles kompliziert und schwerfällig.

Wie lebt es sich abwechselnd in Berlin und Prag? Wie würden Sie das Leben in diesen beiden Metropolen vergleichen? Was vermissen Sie in Berlin, was fehlt Ihnen in Prag? Wie könnten sich diese Städte gegenseitig inspirieren? 

Prag ist sauber, ruhig, hat viele schöne Parks und ist die schönste Stadt, die ich kenne. Berlin ist laut, es ist hier nicht so schön, überall gibt es Tausende von Obdachlosen und Drogenabhängigen, aber in Berlin pulsiert das Leben und die ganze Subkultur der Welt ist hier vertreten. Berlin ist ideal, wenn man sich austoben will… Vor ungefähr fünfzehn Jahren war das anders, in der Tschechischen Republik herrschte der Turbokapitalismus, hier war alles gemäßigt. Die Zeiten, in denen es in Berlin alternative Räume, billige Untervermieten und so weiter gab, gehen langsam zu Ende. Vieles ist hier teurer geworden, das Unternehmertum hat sich entwickelt, und die Menschen werden reicher. Meiner Meinung nach scheint Prag nach der Krise von 2008 verstanden zu haben, dass es nicht überall McDonald’s oder Gucci geben muss, es entstanden Märkte, neue „Berliner“ Cafés, gute Clubs… Wie auch immer, Berlin und Prag sind meine Lieblingsstädte.  

Düster, inkorrekt und abgedreht

Wie sieht es mit Ihrem dritten tschechisch-deutschen Filmprojekt Runner aus, das, wie ich aus früheren Interviews weiß, düster, psychedelisch und experimentell sein soll…? Ich habe auch von einer interessanten Besetzung gelesen – Michalina Olszanská, bekannt aus dem Film Já, Olga Hepnarová, und der zeitgenössische deutsche Filmstar Franz Rogowski…? 

Wir warten derzeit auf Gelder von der deutscher Seite und stellen das Drehbuch fertig. Dieses Projekt ist, wie die meisten meiner Projekte, schwer zu finanzieren, weil man in Deutschland einfache politische Filme mag. Runner lässt sich aber nicht auf eine simple Botschaft reduzieren, es ist auch keine klassisch erzählte Geschichte, sondern erzählt verschachtelt, vielschichtig und multidimensional – wir versuchen hier was Neues zu machen – etwa einem Bild von Escher nachempfunden.

Es ist ein Film über einen Außenseiter, gespielt von Franz Rogowski… Er ist ein seltsamer Typ, der nicht viel spricht, keinen gutbürgelichen Hintergrund hat und in einem Berliner Techno-Club Flaschen sammelt – dort nennt man diese Leute Runner. Er wird in einen Vorfall verwickelt, der sich hier tatsächlich ereignet hat – jemand hat einen Polizisten in Zivil totgeschlagen. Allmählich wird, vor allem seitens der Polizei Druck auf ihn ausgeübt, bis er selbst nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, und das Ganze eskaliert in einen blutigen psychedelischen Run…

Im Grunde ist es ein Film über die Vorurteile, die wir gegenüber Menschen haben, die anders, seltsam sind… Es sollte ein sehr düsterer Film sein, inkorrekt, im Stil von Gaspar Noé… Ich versuche, in der Erzählung die Grenze zwischen Film, Computerspiel und audiovisueller Installation zu durchbrechen… Von Anfang an arbeite ich auch mit Musikern zusammen, die elektronische Musik machen – in Tschechien zum Beispiel mit Floex, in England mit Max Cooper, in Deutschland will ich Rødhead involvieren.

In Vorbereitung ist auch das Projekt Vzteklá krása …

Es handelt sich um ein tschechisches Projekt, das in vielerlei Hinsicht völlig gegensätzlich ist. Das Drehbuch wurde von einer jungen, talentierten Drehbuchautorin, Eliška Kováříková, geschrieben, und jetzt arbeiten wir gemeinsam daran. Es ist eine schöne Arbeit – und das Drehbuch ist schön. Das ist etwas, was ich im tschechischen Film noch nicht gesehen habe. Dabei basiert es auf einer rein tschechischen Kulisse und lässt alte Traditionen, Glauben und Aberglauben auf faszinierende Weise wieder aufleben. Es ist so eine wundervolle Sommergeschichte über fünf Frauen aus einer Familie – von zwei Schwestern, der Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, die sich über fünf Tage in einer kleinen südböhmischen Stadt während einer traditionellen Marienwallfahrt abspielt – und über ein wundertätiges Bild der Jungfrau Maria, das Frauen in unguten Situationen hilft … Und es hilft auch diesen Frauen.

Es ist eine leichte, humorvolle Geschichte, die auch als Biografie einer Frau in fünf verschiedenen Phasen gleichzeitig gelesen werden kann. Es ist ein bisschen verrückt, aber im diametralen Sinn als Runner. Das Drehbuch hat wirklich die Kraft, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Es wird eine tschechisch-deutsch-französische Koproduktion sein, und ich muss sagen, wir haben auf allen Seiten großartige Produzenten – in Deutschland sind es die wunderbaren Peter Rommel und Peter Hartwig – und bereits Unterstützung durch den tschechischen Fonds. Wir warten auf die Stellungnahme von Arte und des Medienboards und suchen derzeit vor allem private Einrichtungen, die den Film unterstützen möchten, da man einen Film mit einem bescheidenen Budget nicht allein aus öffentlich-rechtlichen Quellen finanzieren kann. Wir beten, dass wir erfolgreich sein werden und im Sommer mit den Dreharbeiten beginnen können.