Schriftstellerin Dora Kaprálová: Berlin ist die offenste Gesellschaft in Mitteleuropa

Die Schriftstellerin, Rundfunkdokumentaristin und Kritikerin Dora Kaprálová (46) kam ursprünglich eher zufällig nach Berlin, wegen der Arbeit ihres Ex-Mannes. Nun lebt sie bereits seit 13 Jahren hier, schreibt erfolgreiche Prosa und kümmert sich außerdem um zwei Töchter: Ema und Františka.

12. 11. 2021 | Veronika Jonášová

Dora Kaprálová bei einer Autorenlesung im Prager Café Fra Foto: Fra, Ondřej Lipár

„Als ich nach Berlin kam, wusste ich nicht, was mich hier erwartet“, sagt Dora, die mit einem kleinen Kind und ihrem ehemaligen Mann nach Berlin kam, ursprünglich nur für zwei Jahre. Schließlich verlängerte sich ihr Aufenthalt. „Mit der Zeit stellte ich fest, dass meine Reise nach Berlin kein Ausflug ist und musste mich irgendwie damit arrangieren“, gibt die Schriftstellerin zu, die in Tschechien als Dokumentaristin und bei der Zeitung als Editorin der Kulturbeilage Umění a kritika (Kunst und Kritik) gearbeitet hatte. In Tschechien schrieb sie regelmäßig Rezensionen, Interviews, Essays. Sie drehte Dokumentarfilme, es erschien ein Theaterstück von ihr und ein Interview in Buchform mit der tschechischen Schriftstellerin Květa Legátová. Ihre Rundfunkdokumentationen erhielten internationale Preise, für ihre erste, noch an der Brünner Janáček-Akademie der musischen Künste entstandene Rundfunkdokumentation erhielt sie den internationalen Åke-Blomster-Preis, der paradoxerweise in Berlin verliehen wurde.

Es waren anfangs wiederum Rundfunkdokumentationen, durch die sie sich allmählich mit ihrem Aufenthalt im Ausland arrangierte. Über die Integration von tschechischen Frauen in Berlin drehte sie im Jahre 2012 zum Beispiel das Rundfunk-Klangcomic Bublina přibližnosti (Blase des Ungefähren), in der sie in spielerischer Form verschiedene tschechische Frauen interviewte. „Ich wollte mit Müttern wie mir sprechen, die tatsächlich in Berlin leben, sich um ihre Kinder kümmern, arbeiten, träumen und Sehnsüchte haben. Diese Arbeit hat mich damals sehr aufgemuntert“, erinnert sich die Schriftstellerin, die sich damals in einer ähnlichen Lage wie ihre Interviewpartnerinnen befand.

Eine andere Rundfunkdokumentation über ihren Großonkel – der in Berlin Zwangsarbeit verrichtet hatte – wurde vor ein paar Jahren für den Prix Europa für die beste europäische Dokumentation nominiert. Später schrieb sie eine Reportage, für die sie den Deutsch-tschechischen Journalistenpreis erhielt, und nahm eine Rundfunkdokumentation auf, für die ihr der Milena-Jesenská-Preis verliehen wurde.

Berlin näherte sie sich ihren Worten zufolge mehr durch die Geschichten an, die sie hier erlebte. Entstanden sind daraus übrigens drei Bücher. 

Die ersten Jahre in Berlin waren für sie jedoch von Isolation gekennzeichnet, also einem Gefühl, das die meisten Ausländer in einem neuen Land begleitet. „Es war nicht einfach, doch es hat mich stark gemacht, und ich begann schon deutlich zu ahnen, worüber ich im Leben schreiben möchte“, sagt die Schriftstellerin, die nach eigenen Worten lange mit Tschechien in Kontakt war und anfangs ausschließlich auf Tschechisch arbeitete. „Mit der Zeit aber wurden diese Kontakte weniger und ich fand mich in so einer seltsamen Blase wieder“, erinnert sich Dora, die im selben Atemzug hinzufügt, Berlin und das Leben in der Großstadt sei für sie schon damals sehr befreiend gewesen. „Vorher hatte ich in Brno gelebt, was im Vergleich zu Berlin eine kleine Stadt ist. Man kennt sehr bald alles, und alles ist zu nah. Im Gegensatz dazu ist das hier eine völlig andere Welt“, fügt die Schriftstellerin hinzu, die anfangs in Deutschland auch stark mit der deutschen Sprache zu kämpfen hatte.

Mit ihren Kindern sprach sie natürlich Tschechisch und ihre Freunde sprachen überwiegend Englisch, also war es schwer, ins Deutsche vorzudringen. „Dieser Prozess verlief schleichend, oft konnte ich mich auf Deutsch nicht richtig ausdrücken und es kam auch zu komischen Situationen. Zum Beispiel, wenn ich jemandem einen Witz erzählen wollte und mitten im Satz begriff, dass ich das nicht schaffe“, meint sie. Sie interpretierte das für sich so, dass sie vielleicht im Unterbewusstsein das Tschechische so sehr zu schützen versuchte, dass es ihr deshalb lange Zeit nicht gelang, ins Deutsche einzutauchen. „Meine einzige Heimat ist für mich die tschechische Sprache. Jetzt leite ich bereits Filmworkshops in deutscher Sprache, im Rahmen meines Journalistenstipendiums an der FU habe ich meine Abschlussarbeit auf Deutsch geschrieben, Autorenlesungen in Deutschland und Österreich mache ich auch auf Deutsch, mit der Schule kommuniziere ich wegen der Kinder in Deutsch, doch ist Deutsch trotz seiner unzweifelhaften Schönheit nicht zu meiner inneren Stimme geworden. Es ist so, als hätte mir jemand beim Schreiben auf Deutsch ein Bein amputiert, es fehlen mir die Intimität und die Nuancen, die ich aus dem Tschechischen kenne“, fügt die Schriftstellerin hinzu und betont, dass sie auch nach Jahren im Ausland nicht den Drang verspürt, ihre Bücher in der Fremdsprache zu schreiben, obwohl das praktischer wäre. 

Dora Kaprálová erzieht in Berlin ihre zwei Töchter Foto: Archiv

Wie hoch ist ihrer Meinung nach die Mauer zwischen Deutschen und Tschechen und was mag sie persönlich an Berlin am meisten? „Man kann hier ein Nomade sein und ist nie verloren“, meint die Schriftstellerin, die an Berlin auch die Buntheit und die offene Gesellschaft schätzt. „Es kann sich ändern, doch bisher ist Berlin meines Erachtens nach die offenste Gesellschaft in Mitteleuropa“, fügt sie hinzu und räumt ein, dass es auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch einige mentale Grenzen zwischen Tschechen und Deutschen gibt und sie manchmal auch auf Unkenntnis und Vorurteile stößt. „Doch das ist nichts Dramatisches. Es stimmt, dass für die ältere Generation der gebildeten Westdeutschen Tschechien überraschenderweise oft ein böhmisches Dorf ist. Man muss viel erklären und beschreiben, und daran denke ich auch in meinen Büchern“, sagt Dora, die derzeit nicht über eine Rückkehr in die Tschechische Republik nachdenkt. 

Selbst würde sie sich als Europäerin definieren, nicht als Tschechin oder gar Deutsche.

„Ich bin stolz, aber das hat nichts mit irgendeinem Nationalbewusstsein zu tun oder mit so etwas Schrecklichem wie dem Nationalismus“, fügt die Frau hinzu, die gern und oft reist. Wenn die Grenzen normal geöffnet sind, pendelt sie oft zwischen Ungarn, von wo ihr derzeitiger Lebensgefährte stammt, der Tschechischen Republik und Deutschland, wo sie manchmal Lesungen oder andere Arbeit hat. „Wir sind viel auf Reisen, und noch sind wir damit zufrieden“, sagt Dora, die sich unter anderem mit einer Tillandsia vergleicht, also einer Pflanze ohne Wurzeln, die sich von der Luft ernährt. „Jetzt schlage ich jedoch schon leichte Wurzeln dadurch, dass ich mit viel Begeisterung Blumen auf dem Balkon züchte“, fügt sie abschließend hinzu. 

Die Präsentation basiert lose auf unserem Buch Die Mauer zwischen uns, das die Geschichten von Tschechen in Deutschland und Deutschen in der Tschechischen Republik beschreibt und für die Frankfurter Buchmesse 2021 nominiert ist.