Petra Ernstberger: Ich würde mir wünschen, dass in der Visegrad-Gruppe gerade die Tschechen das Vorbild für Demokratie sind.

Es gibt viele Dinge, die getan werden können, um die schwer geprüfte Demokratie in Europa zu fördern. Die tschechische Regierung hätte sich stärker gegen die Erosion der Demokratie in Polen und Ungarn definieren können. Die Tschechen und Deutschen sollten dann ihre Zivilgesellschaften miteinander verbinden und mehr über ihre gemeinsame Vergangenheit sprechen und sich für ein landesweites Bewusstsein für Ungerechtigkeit einsetzen. Der Schlüssel dazu sind gegenseitige Sprachkenntnisse, die deshalb gefördert werden müssen, meint die Geschäftsführerin des Tschechisch-Deutschen Zukunftsfonds Petra Ernstberger.

24. 11. 2021 | David Horak

Die Geschäftsführerin des Tschechisch-Deutschen Zukunftsfonds Petra Ernstberger Foto: FB Profil Petra Ernstberger

Der von Ihnen geleiteter Fonds trägt das Wort „Zukunft“ in seinem Namen, aber es wäre äußerst  schwierig, die Vergangenheit auszulassen und  die Gegenwart zu ignorieren, wenn man an die Zukunftsaussichten denkt.  Lassen Sie uns mit der Gegenwart zu beginnen. In welchem Zustand befinden sich die tschechisch-deutschen Beziehungen auf der Ebene der Politik und der Diplomatie wirklich? 

Auf der politischen Ebene sind die Beziehungen relativ normal. Das hat auch eine Schattenseite. Politik neigt immer dazu, sich den Hotspots zuzuwenden. Oft ist deshalb die Aufmerksamkeit von deutscher Seite für Tschechien nicht so groß wie ich mir das wünschen würde. Auf der anderen Seite ist Deutschland für Tschechien ein wichtiger Faktor wegen der Größe des Landes, der wirtschaftlichen Verflechtungen und weil es auch eine Art Vorbild darstellt.

Wir werden sehen, wie sich das Verhältnis entwickeln wird, wenn Frau Merkel nicht mehr Kanzlerin ist. Sie hatte enge persönliche Beziehungen zu Tschechien.

Die Politik in Tschechien ist wechselhaft. Ich würde mir wünschen, dass auch in den nächsten Jahren über strittige Themen zwischen unseren Ländern offen und konstruktiv diskutiert werden kann. Das wäre in meinen Augen für beide Staaten sinnvoll.

Die Unterschlagung von EU-Subventionsgeldern wegen dessen der letzte tschechische Premierminister Babiš untersucht wurde, wie auch seine Beleidigungen der Vorsitzenden des EP-Kontrollausschusses, Frau Hohlmeier gegenüber, sind sicher kein Beitrag zu den sonst guten Beziehungen gewesen. Der wiederholte Boykott von Bemühungen, den Demokratieabbau in Ungarn und Polen zu stoppen, musste auch eher eine Enttäuschung gewesen sein. 

Ja, damit wurde eine Grenze überschritten.  Ich hätte mir gewünscht, dass in der Visegrad-Gruppe gerade die Tschechen das Vorbild für Demokratie sind. Aber es fehlte an Stärke gegenüber Polen und Ungarn. Orban war sehr häufig zu Besuch in Prag. Da könnte sich die tschechische Regierung stärker distanzieren, um deutlich zu machen, dass sie mit der ungarischen Aushöhlung der Demokratie nicht einverstanden ist. Leider ist sie da sehr allein. Auch die Europäische Union hat  noch keine probaten Maßnahmen gegen Polen und Ungarn gefunden.

Es wird häufig von kulturellem Austausch gesprochen. Wie kommt es, dass der einzige in Deutschland wirklich bekannte tschechische Sänger, zwei Jahre nach seinem Tod offenbar immer noch Karel Gott ist und bei Film kaum einer über das mittlerweile 50 Jahre alte Aschenputtel hinausgekommen ist?  

Man muss zwischen den Kulturinteressierten, die sich für die Entwicklung der modernen Kultur begeistern,  und dem anderen Teil der Bevölkerung unterscheiden. In Deutschland läuft fünf Wochen vor Weihnachten „5 Nüsse für Aschenbrödel“. Das wir auch immer wieder geschaut. Karel Gott hat es geschafft mit einigen Liedern einen Ohrwurm zu erschaffen. Beides hat Einfluss auf die Kenntnisse über Tschechien.

Den Kulturinteressierten ist aber sehr wohl bekannt, dass Dušan Pařízek ein hervorragender Regisseur ist, der mit seinen ausgezeichneten Inszenierungen die Theaterlandschaft auch in Deutschland und Österreich bereichert. Ebenso ist in Deutschland Jaroslav Rudis ein bekannter Autor, der Furore mit „Winterbergs Reise “ machte. Er ist ein echter Brückenbauer zwischen unseren Ländern.

Den erwähnten Titel Rudišs hat auch der Zukunftsfond unterstützt… 

Wir haben Rudis‘ Buch finanziell unterstützt. Ebenso wird die Übersetzung ins Tschechische jetzt vom Fonds gefördert.

Deuten Sie darauf hin, dass zu wenig Tschechen und Deutsche die Sprache des Nachbarlandes sprechen?

Ja, ich würde mir sehr wünschen, dass der sprachliche Austausch vor allem in den Grenzregionen in Bayern und Sachsen intensiviert wird. Zumindest gewisse Grundkenntnisse in den beiden Sprachen sollten alle kennen.

Die Tschechische Republik hinkt bei der Aufarbeitung des an der deutschen Minderheit begangenen Unrechts bei der Deutschlands Aufarbeitung der Kriegsereignisse hinterher. Finden Sie nicht, das Havels Initiative zu der Deklaration, aus der dieser Fonds stammt, in dieser Hinsicht mittlerweile so gut wie auf Eis liegt?

Es ist richtig, dass Tschechien das Bewusstsein für die Aufarbeitung der Folgen der Naziherrschaft später entwickelt hat als Deutschland. Das hängt sicherlich zum Teil auch damit zusammen, dass die Deutschen und deren Terrorherrschaft im Dritten Reich politisch immer wieder, vor allem vor Wahlen, politisch instrumentalisiert wurden.

Das verstärkt das Gefühl der Menschen, die Opfer zu sein. Dann ist es schwer zu akzeptieren, dass es auf der anderen Seite auch Opfer gab. Tote mit Toten kann man nicht aufrechnen. Das funktioniert nicht, ist nicht hinnehmbar. Es geht um ein nationales Bewusstsein, dass Unrecht entstanden ist. Die Deutschen haben damit früher begonnen.

Einzelne tschechische Politiker haben sich bereits mehrfach entschuldigt, ein Willen die Gewalttaten und die Aussiedlung zu benennen gibt es in der Gesellschaft, zumindest in den Grenzgebieten, eher nicht. Werden auch Forschungs-Projekte in dieser Sache unterstützt?

In Tschechien sind inzwischen große Schritte unternommen worden. Bis 1997 / 98 war das ein Thema, das man nicht anfassen durfte. Im Koordinierungsrat, der im Zusammenhang mit dem Fonds entstand, war es schwierig ein Stück weit emotionslos, sachlich und objektiv auf die Zeit zu schauen, wenn man selbst Betroffener ist. Deshalb wurde aus der Sicht der Wissenschaft darüber diskutiert und Wissenschaftsvergleiche gemacht. Das hat geholfen.

Wichtig sind nicht nur die Anbringung der Tafel in Ústí nad Labem und der Brünner Versöhnungsmarsch, den der damalige Bürgermeister initiierte, sondern auch, dass im Fernsehen ein Film gezeigt wurde, der auf einem Dachboden in Prag gefunden wurde. Ein junger Filmemacher veröffentlichte diesen Film, der Unrecht an Vertriebenen zeigt. Damit wurde das Thema auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Der Fonds hat den Film „Odsun“ gefördert, der auch in Deutschland gezeigt wurde. Ich finde es wichtig, dass auch die großen Fernsehanstalten eine verantwortungsvolle Rolle in beiden Ländern übernehmen. 

Petra Ernstberger Foto: Archiv Petra Ernstberger

Trotzdem scheinen wir Tschechen nicht bereit zu sein unsere Verbrechen wahrzunehmen. Kaum hatte man auf einem Ort einer Gewalttat ein Kreuz aufrichtet, in wenigen Tagen war es beschädigt.  

Man muss zwischen der Stadt Prag und den ländlichen Regionen unterscheiden. Hier in Prag finden andere Diskussionen statt, Man ist sich der Situation nach dem Ende des Krieges stärker bewusst. Dieses Geschichtsbewusstsein ist auf dem Lande noch nicht so verbreitet.

Es finden viele Restaurationen von Gräbern statt, wie zum Beispiel in Eger mit seinen tschechischen, deutschen und jüdischen Grabmalen. Ich finde es besonders beeindruckend, dass sich auch junge Menschen daran beteiligen. Sie arbeiten dort und schenken damit den Gräbern wieder Ansehen. Solche Initiativen fördern wir. Besonders wichtig ist für uns dabei der Austausch, dass die Projekte von Tschechen und Deutschen gemeinsam gestaltet werden. Denn es unsere gemeinsame Geschichte. Diese Geschichte ist nicht nur unaussprechlich schrecklich gewesen, sondern hatte auch einige gute Aspekte.

Wir geben jetzt ein Buch heraus, das in deutsch und tschechisch als Hommage an die Opfer und Überlebenden des NS-Regimes gedacht ist: „Als wäre das alles gestern geschehen – Jako by se to všechno stalo včera.“ Darin hat die Schriftstellerin Radka Denemarková ein Essay über Gesellschaft und Macht geschrieben und der bekannte Fotograf Karel Cudlín Betroffene porträtiert.  Unter anderen ist auch die Mutter von Daniel Hermann unter den Porträtierten, die auch zu den Überlebenden gehört.

Die Zahl der Zeitzeugen nimmt stetig ab, doch wir müssen die Erinnerungskultur aufrechterhalten. Wir müssen vor allem auch die jungen Menschen begleiten, dass die Erinnerung lebendig bleibt. Das ist für die Zukunft eine große Verantwortung, gerade auch unserer Generation

Was liegt Ihnen bei den von dem Zukunftsfond geförderten Projekten noch am Herzen?

Unsere Aufgabe war in den letzten 23 Jahren, die Menschen zusammenzubringen, die Zivilgesellschaften miteinander zu vernetzen.

Eines der ganz großen Probleme, die wir haben – außer der aktuellen, also der Schwierigkeiten wegen der Pandemie – ist die Sprache. Das scheint mir essentiell. Die Leute trauen sich nicht über die Grenze zu kommen, weil sie sagen: ‚Ich verstehe die nicht und die mich nicht. Warum soll ich dann in Kontakt treten?‘

Deswegen ist es für uns besonders wichtig, dass wir die Sprache noch mehr fördern. Wir zahlen bei Jugendprojekten die Sprachanimation. Dann werden auch die Kontakte intensiver. Mit der Sprache kann die emotionale Ebene angesprochen werden. Das ist für die gemeinsame Zukunft sehr wichtig.

Da ist schon im Bereich Kultur viel zu machen…

Alles, was gemeinsame Begegnungen und gemeinsame Arbeiten fördert, unterstützen wir: Theaterprojekte mit deutsche und tschechischen Schauspielern, Chöre, die zusammen proben, gemeinsame Musikveranstaltungen, aber auch Literaturübersetzungen in die jeweils andere Sprache. Das erweitert die Kenntnisse über das andere Land und fördert das gegenseitige Verständnis.

Eines der herausragenden Projekte ist das Prager Theaterfestival der deutschen Sprache. Deutsche und tschechische Inszenierungen von bekannten Bühnen machen die Theaterarbeit in beiden Ländern lebendig. Andere Projekte befassen sich z.B. mit Tanz. Wir wollen viele kulturellen Ecken ausleuchten, für das große, wie auch für das kleine Publikum. Die Kultur lebt.

Was ist die langfristige Strategie des Zukunftsfonds?

Wir wollen auch in Zukunft die Zivilgesellschaften auf ein festes Fundament stellen. Wenn man dieses Fundament nicht pflegt, dann bricht es. Es wiederzubeleben würde eine sehr große Anstrengung werden.

Wir leben vom Engagement und der Motivation von Menschen, die einen Beitrag zum gegenseitigen Kontakt, zur gemeinsamen Entwicklung unserer Gesellschaften leisten wollen. Ihre Arbeit ist vertrauensbildend, fördert Bekanntschaften und Freundschaften. Damit wird auch eine Basis für politische Arbeit geschaffen.