Musiker und Arzt Petr Vašíček: Ich erlebte einen Kulturschock im besten Sinne des Wortes

Arzt und Musiker, geboren im nordböhmischen Ostrov nad Ohří, lebt seit dem 21.8.1968 im Westen. „Der Fokus der tschechischen Intellektuellen ändert sich. Es lohnt sich, sich den Tschechen in Berlin zu widmen.“

10. 11. 2021 | Danuše Siering

Musiker und Arzt Petr Vašíček. Foto: archiv

Im Sommer 1968 war unsere ganze Familie im Urlaub, Verwandte in Österreich und in der Schweiz besuchen. Man schrieb den 21. August, wir waren schon auf dem Nachhauseweg und statteten noch einer Tante in Bayern einen Besuch ab. Die sagte uns: Bleibt hier, in Prag ist etwas passiert. Unsere Eltern, die als Ärzte arbeiteten, riefen im Krankenhaus in Hradec Králové an, nicht ahnend, dass gerade „die Russen“ in Prag einmarschiert waren und verlängerten daraufhin ihren Urlaub bis Jahresende. Sie dachten, das sei alles nur ein Irrtum und die Situation würde sich bald wieder richten.

Kurz darauf wurden sie auf der Straße von einem unbekannten Paar angesprochen – sie Tschechin, er Deutscher –, weil sie unseren Škoda mit tschechischem Kennzeichen gesehen hatten. Das war Frau Franz, die dann nach Hradec gefahren ist und den Eltern und uns Kindern die notwendigsten Sachen brachte: Dokumente und Winterkleidung. Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. 

Petr Vašíček auf einem Bild vom Ende der 60. Jahre Foto: Archiv Petr Vašíček

Unsere Eltern arbeiteten zunächst im Universitätskrankenhaus in Schwäbisch Hall. Nicht lange danach eröffneten sie ihre eigene Arztpraxis. Ich spielte Klavier, seit ich 9 war, und mit 14 begann ich mit der Geige. Als ich 1981 mein Abitur machte, entschied mein Klavierlehrer, dass ich in München studieren werde. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Ich erlebte einen Kulturschock im besten Sinne des Wortes; täglich ging ich ins Theater, zu Konzerten, ich hörte und traf die musikalische Weltspitze. Ich war wie Alice im Wunderland! 1982 begann ich in Rom Klavier, Geige und Dirigieren zu studieren. Ich wohnte im Päpstlichen Collegium Nepomucenum, das 1923 vom tschechoslowakischen Staat errichtet worden war. Heute hat dort im 3. Stock – vermutlich direkt in meiner ehemaligen Stube – die Botschaft der Tschechischen Republik am Heiligen Stuhl ihren Sitz.

Nach dem Musikstudium entschied ich mich, Medizin zu studieren. Ich erhielt einen Studienplatz an der Freien Universität Berlin, aber ich war sehr enttäuscht. Was sollte ich denn in der Stadt der verkrachten Existenzen! Da fahren doch nur die hin, die nicht zum Wehrdienst wollen oder Revolutionäre und Homosexuelle. Im Herbst 1988 begann das Studium, und zwar gleich mit einem Streik: Die Studenten forderten, dass Marxismus-Leninismus als Studienfach eingeführt wird. Da hatte ich wirklich keine Lust drauf. Als mich Leonard Bernstein zu den Beethoven-Konzerten mit den Wiener Philharmonikern nach Wien einlud, zögerte ich nicht lange. Ich verlegte mein Studium im Herbst 1989 in die ehemalige Metropole der k.u.k. Monarchie, aber damit begann für mich ein kompliziertes Kapitel…

Ich verlor meine Freundin, und die Welt brach für mich zusammen. Meine Vitalität war verschwunden, auch meine Freude und Begeisterung waren weg. Diese Qualen dauerten mehr als ein Jahr. Um mich wenigstens ein bisschen zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu kommen, fuhr ich regelmäßig nach Tschechien. Von Wien aus begann ich, Mähren zu erkunden. Ich war praktisch jede Woche in Mikulov, das ich lieb gewonnen hatte und wo ich die Geschichte meiner jüdischen Kultur entdeckte.

Petr Vašíček und die Kindheit in Deutschland Foto: Archiv Petr Vašíček

Nach dem Abschluss des Studiums entschloss ich mich, nach Deutschland zurückzukehren. Vor fünfzehn Jahren habe ich in Berlin den Anker ausgeworfen, in der forensischen Psychiatrie in Reinickendorf, die sich mit psychischen Erkrankungen von Kriminellen beschäftigt. Ich lebe in einer Stadt, die sehr tolerant ist und Kriminelle lieber in die Psychiatrie schickt als ins Gefängnis.  

Meine Frau Marta habe ich 2005 kennengelernt, als ich ihre Stimme auf LPs von Jaroslav Krček und Musica Bohemica hörte. Die Stimme gefiel mir so sehr, dass ich an das Konservatorium in České Budějovice schrieb und sie nach Berlin einlud. Und sie kam tatsächlich – zu Silvester. In der Nacht zum 1. Januar, von zwei bis vier Uhr, gaben wir zusammen ein Konzert, zu dem plötzlich Leute aus der Umgebung kamen, die aus dem Fenster Klavier und Sopran gehört hatten. Wir wurden ein Paar, gaben Konzerte und reisten durch die Welt. Mit unseren Kammerkonzerten reisten wir nicht nur durch Europa, sondern auch durch Nord- und Südamerika, große Erfolge feierten wir ebenfalls in New York. Immer standen tschechische Komponisten auf dem Programm.

In Berlin lebte ich lange in Böhmisch-Rixdorf, das zu Neukölln gehört. Dort gibt es sechs Kirchen, einen tschechischen Friedhof und den Comenius-Garten. Ich entdeckte, dass nicht nur in Wien, sondern auch in Berlin bedeutende Tschechen gelebt hatten. Ich begann, die hiesigen Archive zu durchforsten, und hörte oft: Ich arbeite hier schon lange, aber Sie sind der Erste, der sich für dieses Thema interessiert.

Seit der Russischen Invasion 1968 lebte die Familie in Deutschland Archiv Petr Vašíček

Wer weiß heute schon noch, dass Antonín Dvořák hier einen Verleger hatte? Dass Leoš Janáček hier vier Mal zu Gast war, und Karel Čapek ein Jahr hier wohnte? Václav Talich war 1901 Konzertmeister in der Philharmonie, hier lebten Jaromír Weinberger, Josef Foerster und Václav Příhoda. In Potsdam lebte lange Jahre der Komponist František Benda, an dessen Geburtshaus wir schon seit Jahren versuchen, eine Gedenktafel anbringen zu lassen.

Ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnen wird, sich den Tschechen in Berlin zu widmen. Meiner Meinung nach verschob sich der Fokus der tschechischen Intellektuellen nach der verlorenen Schlacht bei Königgrätz:  Sie wendeten sich stärker dem interessanten Berlin zu als Wien, der ungeliebten Hauptstadt des Böhmischen Königreichs.

Die Präsentation basiert lose auf unserem Buch Die Mauer zwischen uns, das die Geschichten von Tschechen in Deutschland und Deutschen in der Tschechischen Republik beschreibt und für die Frankfurter Buchmesse 2021 nominiert ist.