Míla Fürstová: Das Werk Kytice (Der Blumenstrauß) verband mich in den Covid-Zeiten mit meiner Heimat Tschechien

Die Malerin und Grafikerin Míla Fürstová gehört zu den erfolgreichsten tschechischen Künstlerinnen im Ausland. In Tschechien wurde sie vielleicht paradoxerweise erst bekannt, nachdem sie 2014 den Einband zum Album Ghost Stories der weltbekannten Band Coldplay entworfen hatte.

26. 12. 2020

Doch von ihr stammen auch die Einbände der Aufnahme Double Album von Miro Žbirka. Sie produzierte die Titelseite des meistverkauften Buchzyklus der New York Times mit dem Titel Mortal Instruments von Cassandra Clare. Nun kommt ein weiteres Werk dieser außergewöhnlichen Künstlerin auf den Markt. Sie illustrierte die neue Ausgabe des Buches des bekannten tschechischen Dichters aus dem 19. Jahrhundert Jaromír Erben Kytice (Der Blumenstrauß). Aus der Entfernung zwischen Berlin und London unterhielten wir uns nicht nur über diesen tschechischen Klassiker.

Ich beginne mit einer klassischen Frage, die aber heute vielleicht ein etwas anderes Gewicht hat. Wie geht es dir?

Hier in England sind wir es gewohnt, mit einem „danke, es geht mir gut“ zu antworten. Als ich vor mehr als 20 Jahren hierherkam, sagte ich mir, dass das recht seltsam ist, dass es hier allen gut geht und dass die Menschen eigentlich nicht besonders offen sind. Heute aber sehe ich das anders. Ich denke, wenn jemand vor schwierigen Situationen steht, muss man sich klarmachen, dass parallel dazu oft viele Dinge so bleiben, wie sie sollen. Auf deine Frage antworte ich also, „danke, es geht mir gut“, und zwar obwohl Covid in diesem Jahr vieles beeinflusst hat. Mir aber bleibt alles, was für mich wichtig ist, erhalten, und dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Erbens Kytice gehört zu den Schätzen der tschechischen Literatur. Woran hast du als Erstes gedacht, als du das Angebot erhalten hast, zu diesem Buch die Illustrationen anzufertigen? Und wie war das überhaupt mit dem Angebot?

Das Angebot für diese Zusammenarbeit an sich kam aus einer völlig unerwarteten Richtung. In London wurde ich von Michael Tate, dem Direktor des renommierten britischen Verlags Jantar, angesprochen. Es hat mich fasziniert, dass mit der Bitte, künstlerisch einem der Schätze der tschechischen Literatur zu huldigen, gerade ein Engländer kam. Sofort musste ich daran denken, wie komplex und schwer es sein müsse, dieses Werk in andere Sprachen zu übersetzen. Aber gleichzeitig auch daran, wie schön und wichtig es ist, dass andere Völker einen Einblick in die Tiefe der tschechischen Archetypen erhalten können.

Über mein eigentliches Werk schreibt man hier in Großbritannien als von einem künstlerischen Ausdruck, in dem meine tschechischen Wurzeln resonieren. Ich wurde mir bewusst, dass ich, wenn ich das Buch Kytice illustriere, die Chance habe, eine Brücke zu sein, die dabei behilflich sein kann, Erbens einzigartiges Werk in der Welt zu kommunizieren. Und dies ist für mich eine große Ehre, gleichzeitig aber war dies eine riesige Herausforderung. 

Kannst du den Prozess vom Lesen der Gedichte über die eigene Fantasie, die ersten Versuche bis hin zum Endergebnis beschreiben? Gibt es im Laufe dieses Prozesses mehr Zweifel oder Freude?

Ich nehme Erbens Gedichte unglaublich atmosphärisch wahr, und so entstanden beim Lesen in meinem Kopf starke visuelle Vorstellungen. Das Problem war natürlich ihre Anordnung, damit sie Sinn ergeben und auch den Leser in die Handlung hineinziehen.

Als ich den Auftrag angenommen habe, hatte ich die größte Angst davor, Horror zu veranschaulichen. Meine Kunst ist oft voller Geheimnisse, aber um Horror mache ich einen Bogen. Da war ich wirklich nervös, dann aber habe ich beschlossen, diese Unsicherheit so zu beseitigen, indem ich mich einfach aufmache und sehe, wohin mich dieser Weg führt. Ich denke, gerade das Vertrauen, dass mich „etwas da oben“ leitet, hat sich ausgezahlt. Das Ergebnis sind Arbeiten, die wirklich keine Illustrationen von Horror sind, ich habe vielmehr versucht, die Situation und zeitlose Geschichten zu umreißen, die Erben mit Hilfe von Symbolen und eine Aufschichtung von Narrativen beschreibt.

In wie vielen Sprachen erscheint das Buch und wo überall kann man es erwerben?            

Das Buch sollte ursprünglich in Englisch erscheinen, doch als der Direktor des Verlags Euromedia Antonín Kočí von meinem britischen Projekt erfuhr, schlug er mir vor, Kytice mit meinen Illustrationen auch auf Tschechisch herauszubringen. Dieser Verlag stellt unglaublich hohe Ansprüche an die Produktion seiner Bücher, es geht um die Organisation, die Bücher offensichtlich liebt und mit ihnen das menschliche Leben bereichern möchte, deshalb ist die heutige Ausgabe von Kytice wundervoll verarbeitet, und dies ist das Verdienst des gesamten Teams, hervorragend grafisch bearbeitet wurde es von Marie Štumpfová.

Diese Version von Kytice existiert also in Englisch und in Tschechisch, doch von meinem britischen Verleger weiß ich, dass sich die englische Version weltweit verkauft, zum Beispiel auch in Spanien oder in Frankreich.

Jede Zeit hat ihre Vor- und Nachteile. Die Nachteile zeigen sich sehr schnell, die Vorteile treten erst nach längerer Zeit zutage. Welchen Einfluss im positiven und negativen Wortsinn hat für dich die heutige Covid-Zeit? Meinst du, dass du sie anders wahrnimmst, als wenn du in Tschechien leben würdest?

Die Covid-Zeit ist eine große Prüfung für uns alle, ich denke aber, dass diejenigen, die ganz einsam sind, ohne den persönlichen Kontakt zu ihrer Familie und ihnen nahestehenden Personen, am schlimmsten dran sind. Wenn wir das nicht schon früher gewusst haben, so wird es uns Covid sicher lehren, dass menschliche Nähe ein Quell riesiger kraft ist, die uns hilft, auch die größten Hindernisse zu überwinden.

Dass ich in England „eingeschlossen“ bin, bedeutet für mich, dass mir natürlich der Kontakt zu meiner tschechischen Familie fehlt, doch ich versuche, zumindest aus der Ferne mit ihr in ständiger Verbindung zu bleiben. Auch die Entscheidung, Kytice zu illustrieren, war für mich damit verbunden, dass ich, nachdem Tschechien im März seine Grenzen schloss, Teil von etwas tief Tschechischem sein wollte, auch wenn ich physisch von meinem Heimatland abgeschnitten war.

Wie sehen deine beruflichen Pläne aus und wo verbringst du dieses Jahr Weihnachten?

Zu Weihnachten hätte ich mit meiner Familie bei meinen Eltern in Hradec Králové verbringen sollen. Doch Covid hat unsere Pläne durchkreuzt, und so bleiben wir daheim im englischen Cheltenham und hoffen, dass wir auch ein paar kürzere Ausflüge durch England unternehmen können.

Was meine Arbeit betrifft, so bittet mich der britische Verlag Jantar schon mehrere Monate, die englische Version der Babička/Die Großmutter von Božena Němcová zu illustrieren. Für mich ist dies ein sehr tiefgründiges Thema, eine Herzensangelegenheit. Deshalb würde ich das Buch wirklich gern einmal illustrieren. Doch ich möchte mir auch zumindest etwas Zeit für meine eigene Arbeit reservieren, um neue Werke für eine Ausstellung zu haben, die meine Hausgalerie in London 2021 für mich organisieren will.


Míla Fürstová

Tschechische Malerin und Grafikerin, die langfristig in Großbritannien lebt. Sie kam 1975 in Pelhřimov zur Welt und studierte Kunst an der Karlsuniversität, der University of Gloucestershire und am Royal College of Art in London. Im Laufe des letzten Jahrzehnts präsentierte sie 20 eigenständige Ausstellungen in vielen Ländern einschließlich Großbritannien, die USA, Frankreich und natürlich die Tschechische Republik. In dieser Zeit erhielt sie 14 prestigeträchtige Auszeichnungen. Sie wurde die jüngste Akademikerin am Royal West of England Academy in Bristol. Ihre Arbeit wurde Bestandteil bedeutender privater und öffentlicher Sammlungen einschließlich der Sammlung von Königin Elisabeth II. und des Museums V&A in London.