Meine Herren, Sie sind der Rolls Royce und ich versuche, Sie zu fahren

Das waren die ersten Worte von Carlos Kleiber, einem der bedeutendsten Dirigenten aller Zeiten, als er 1989 in die erste Probe bei Berliner Philharmoniker erschien. Es herrschte eine subtile Stille im Orchester und jeder spürte die Einzigartigkeit des Augenblicks. Peter Brem, der jahrzehntelang erste Geige bei den Berliner Philharmonikern spielte, erinnerte sich in einem Interview mit der Zeitschrift n&n an einen der bemerkenswertesten Momente seiner Karriere.

19. 7. 2021

Peter, deine Tätigkeit bei den Berliner Philharmonikern ist mit vielen Superlativen geschmückt. Du warst nicht nur das jüngste Mitglied des Orchesters, und eines der dienstältesten, sondern du bist auch x-mal um die Welt geflogen. Allein in Japan warst du 49x! Mit welchen Gefühlen erinnerst du dich an den Tag, als du ein Philharmoniker wurdest?

Im nachhinein war es einer der glücklichsten Tage meines Lebens, als ich Ende Januar 1970 nach meinem ersten Probespiel die Stelle bei Berliner Philharmonikern bekam. Ich war damals 18 Jahre alt und konnte für mich persönlich noch nicht absehen, was dieser Tag in meinem Leben verändern bzw. bestimmen würde. Als ich abends nach Hause flog, sagte ich zu mir, oh Gott, jetzt geht mein Leben in eine andere Richtung als es in meinem behüteten Elternhaus ist. Ich dachte, na ja, zwei, drei Jahre weg von zu Hause können nicht schaden. Und aus dieser Zeit wurden dann 49 Jahre, in denen ich in diesem Orchester spielen durfte.

Peter Brem als junger Geiger. Foto: Familienarchiv.

Du hast in deiner Karriere die besten Dirigenten erlebt. Welche von ihnen blieben dir besonders in der Erinnerung?

Du hast in deiner Karriere die besten Dirigenten erlebt. Welche von ihnen blieben dir besonders in der Erinnerung? Viele wunderbare Konzerte habe ich u.a. mit Daniel Barenboim, Zubin Mehta, Mariss Jansons, Riccardo Muti, Seiji Ozawa, Christian Thielemann, Václav Neumann oder Claudio Abbado erlebt. Aber von allen großen Dirigenten hatte Herbert von Karajan mein musikalisches Leben am stärksten geprägt. Ich bin sehr dankbar, dass ich seine letzten 19 Jahre, von 1970 bis 1989, mit ihm arbeiten durfte. Er hat mich als jungen Menschen und natürlich auch viele weitere junge Künstler, geformt.

Aber über ein halbes Jahrhundert gab es so viel Höhepunkte und musikalische Erlebnisse aller Art, die mein Leben bereichert haben. Ich war ja auch 16 Jahre lang Medienvorstand der Berliner Philharmoniker und hatte so engen Kontakt zu vielen Künstlern und Dirigenten. Und ich habe die Erfahrungen gemacht, dass die großen Stars, die vom Publikum bejubelt wurden und von außen den Eindruck erwecken, unanfassbare Wesen zu sein, eigentlich ganz normale Menschen sind, wie wir alle.

Du hast nur eine Woche Leonard Bernstein in der Philharmonie erlebt. Aber die hast du nie vergessen.

Die Arbeitswoche mit Leonard Bernstein war für mich ein Highlight. Er kam leider nur ein einziges mal nach Berlin und hat Mahlers Neunte dirigiert. Das war 1979. Aber zu diesem Konzert sage ich dir was: diese Bernstein-Woche war, physisch gesehen, für mich die härteste Woche von allen. Bernstein kam um 10 Uhr morgens zur Probe, Jeans, Baumwollkarohemd, Halstuch, Cowboystiefel. Er setzte sich auf seinen Stuhl, legte die Füße auf das Notenpult und begann zu reden. Er redete und erzählte über sein faszinierendes Leben und es war so aufregend, dass wir zur normalen Pausenzeit noch nicht einmal einen Ton gespielt hatten. In der Pause gab es dann ein Gespräch zwischen Bernstein und dem Orchestervorstand über die verlängerten Probezeiten bis zum Konzert… eine Praxis, die man vorher nicht kannte. Mahlers Neunte ist meiner Meinung nach eines der schwierigsten Musikstücke. Nach dieser Woche war ich körperlich wirklich k.o., aber diese Zeit war nicht nur eine der intensivsten, sondern auch eine der reichsten in meinem Leben. Die Konzerte waren ein musikalisches Highlight für Orchester und Publikum.

Bernstein war das Gegenteil von Karajan. Der war schon ein älterer Herr, ruhig, ausgeglichen, freundlich, wenn er nicht gerade schlecht gelaunt war, und in der Musik war seine Körpersprache in der Bewegung her nicht all zu übermächtig. Aber die körperliche Ausstrahlung, die Karajan hatte, war umso größer. Dieses Fenomen kann man sehr schwer erklären, man erlebt es nur, wenn man vor ihm sitzt, mit diesen wenigen Gesichtsausdrücken, die er gibt – weil er immer mit geschlossenen Augen dirigiert hat. Wenn die Augen zu sind, muss der Rest des Körpers viel mehr geben, als wenn ich mit den Augen animieren und agieren kann. Man sieht, dass es ihm nur um die Musik ging. Bernstein auch, aber er war ein exzessiver Mensch. Wir wissen, dass ihm die Whisky geschmeckt hat, dass er stark rauchte und auch anderen Vergnügungen nicht abgeneigt war, aber als Künstler war er einzigartig. Ich selbst habe ihn erlebt nach dem Konzert als tollen Jazzpianisten, er war ein grandios erfolgreicher Komponist, ein herausragender klassischer Pianist und ein Dirigent von Weltrang. Karajan war innerhalb der klassischen Musik vielseitig aber Bernstein war ein Alpha-Künstler.

Herbert von Karajan vorne, Peter Brem links, Hans Joachim Westphal rechts. Foto: Familienarchiv.

Ihr habt auf der ganzen Welt gespielt, aber die Liebe zu Prag scheint mir nicht besonders ausgeprägt zu sein. So lange ich dich kenne, wart ihr nur zwei mal in Prag.

Nun, die Politik spielt sicher eine Rolle und natürlich gibt es auch das Problem Finanzen. Aber die Politik ist gefordert das Musikland Tschechien auch in Zukunft maßgeblich zu pflegen. In Prag gibt es ein weltberühmtes Festival, den Prager Frühling. Aber warum hat es diese Stadt nicht geschafft einen schönen Konzertsaal zu erhalten?

Danke, dass du es so offen sagst, denn ich sehe das genauso. Und die Frage wg. dem Konzertsaal ist mehr als berechtigt.

Die tschechische Musik ist unglaublich menschlich und volksnah, tschechische Musiker und Komponisten spielen seit Jahrhunderten weltweit eine große Rolle. Sofort, wenn jetzt die Eröffnung eines neuen Musiksaals wäre, sagen wir zum Beispiel Dvořák-Philharmonie, wären bestimmt viele weltberühmte Ensembles bereit bei der Eröffnungskonzerten mitzuwirken. Sir Simon Rattle ist von uns nach London gegangen, aber auch mit der stillen Hoffnung, daß er, bzw. die Stadt London, einen guten Konzertsaal bekommt. Aber dann kam der Brexit und die Politik und hat sich gegen den Bau entschieden. Im Gegensatz zu München, wo der von mir hochgeschätzer Mariss Jansons in jahrelangen Verhandlungen es geschafft hat, für sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einen eigenen Konzertsaal zu erhalten. Leider kann er die Eröffnung nicht mehr erleben. Sir Simon Rattle ist zum Nachfolger von Jansons gewählt worden und wird sicher die festliche Saaleröffnung des neuen Konzerthauses dirigieren.

Peter Brem ist seit 1970 Mitglied der Berliner Philharmoniker. Foto: Familienarchiv.

Inzwischen hat man in Prag einen geeigneten Standort gefunden, aber als ich nachfragte, wie weit das Projekt ist, erfuhr ich, dass die Zuständigen jetzt darüber nachdenken, was so ein Haus eigentlich für die Stadt bedeutet, wie es funktionieren soll, wer sich darum kümmern soll, was es kosten soll und ob es überhaupt sinnvoll ist, so viel Geld auszugeben?

Ja, wie so oft – „politisches vor kulturellem“. Das ist ein Problem in Europa, auch in Amerika. Die Politiker schmücken sich gerne mit Kultur, aber nicht alle verstehen, dass Kultur nicht nur Unterhaltung und Emotion ist, sondern auch geistige Nahrung. Einige von ihnen verstehen, dass sie ein Musikhaus bauen müssen, aber niemand weiß, wie es weitergehen soll. Kultur kostet Geld und kann sich auch nicht von selbst amortisieren, sie ist immer ein Zusatzgeschäft. Die wichtigsten Berliner Kulturstätte waren schon vor der Pandemie mit einem Zuschuss subventioniert. Kulturstars wie Anne-Sophie Mutter, Daniel Barenboim oder Anna Netrebko haben eine Abendgage von mindestens 50 000 Euro. Wer soll das bezahlen? Und hier liegt das Problem. Oft entscheiden das Leute, die kein Bedürfnis, kein Verständnis und keine Emotionen für klassische Musik haben und fragen, warum wir dafür soviel Geld ausgeben müssen. Die Politik muss bereit sein, Geld für die eigene Kultur auszugeben, und das nicht nur in Prag.

Anne-Sophie Mutter sagte kürzlich, dass die Politik in der Coronazeit kulturverachtend sei. Stimmst du ihr zu?

Es ist immer einfacher, wenn man ein Weltstar ist, entweder zu loben oder zu kritisieren. Die Aussagen wirklich berühmten Leuten hören die Politiker manchmal mehr, als wenn ein „normaler“ Mensch das sagt. Sie war 13 Jahre alt, als sie in der Berliner Philharmonie Herbert von Karajan vorspielen durfte. Und wie wir alle wissen, war das der Start für ihre Weltkariere. Wahrscheinlich hätte ihr damals niemand zugehört, aber heute hat ihr Wort viel Gewicht.

Das Buch von Peter Brem „Ein Leben lang erste Geige“ ist 2016 im Rowohlt Verlag erschienen. Ein spannender Blick hinter die Kulissen eines der besten Orchester der Welt.

Ich habe das Interview mit Andrea Zietzschmann (Intendantin der Berliner Philharmoniker) gelesen, die sagte, seit der Gründung der Philharmoniker gab es noch nie so lange Aufführungsunterbrechungen; auch nicht in Zeiten von Weltkriegen und anderen Pandemien. Meinst du, dass eine so lange Schließung wirklich notwendig war?

Ich sage ja, aber mit der Begründung, dass die Gesundheit der Menschen das A und O ist. Über den Rest kann ich nicht urteilen. Man hört schon Stimmen, die sagen, dass wir noch jahrelang geimpft werden sollen. Und dann habe ich mir gesagt, oh Gott, heißt das, ich soll jetzt bis Ende meines Lebens geimpft werden? Andererseits haben die Philharmoniker während der ganzen Covid-Zeit jeden Samstagabend live gesendet, mit großen Dirigenten und großen Solisten, aber ohne einen einzigen Menschen im Saal. Ich denke also, die Philharmoniker haben das Bestmögliche aus der Coronazeit gemacht.

Was hatte Dir die Zeit bei der Berliner Philharmoniker gegeben und was genommen.

Wenn ich darüber nachdenke, genommen überhaupt nichts. Was sie mir gegeben hat, war mein ganzes Berufsleben, mit fast nur positiven, zum Teil sensationellen musikalischen Ergebnissen. Wenn ich heute mein Berufsleben Revue passieren lasse, komme ich zu dem Ergebnis: ich war und bin ein glücklicher Musikant!

Fiel dir der Abschied vom Orchester nach diesem ereignisreichem Leben schwer?

Die letzten drei Jahre vor Corona waren ein Geschenk meiner Kollegen, dass ich noch dabei sein durfte und einen langsames way out fand, was angenehmer ist, als wenn man beim letzten Konzert einen Blumenstrauß bekommt und am nächsten Tag von hundert auf null gesetzt wird. Jetzt kam es zu dieser Pandemieunterbrechung, aber ich bin sicher, dass das Publikum – trotz vieler digitaler Angebote – ein großes Bedürfnis hat, die Musik weiterhin live zu hören und zu erleben. Ich habe ein Abo und freue mich darauf, wieder in die Philharmonie zu gehen… als dankbarer Zuhörer.

Wir spielen alle auf der ganzen Welt die gleichen Noten, und trotzdem klingt jedes Orchester und fast jede Interpretation anders,“ sagt Peter Brem.

Hier finden sie den Text in der tschechischen Sprache.