Martina Barta: Berlin hat mir geholfen, den Neustart meines Lebens zu bewältigen

Sie verließ Prag im Alter von 18 Jahren, um am Jazz-Institut Berlin zu studieren, mit einem Koffer, einem großen Hut und etwas Geld in der Tasche. Heute singt sie auf den Brettern, die die Welt bedeuten. „Ich bin froh, dass ich geblieben bin. Berlin ist für mich eine absolut inspirative Stadt.“

15. 10. 2021 | Danuše Siering

Martina Barta. Foto: Vojtěch Hönig

Dieses Interview wurde in dem vom N&N Magazine produzierten Buch Die Mauer zwischen uns veröffentlicht, das die Geschichten von Tschechen in Deutschland und Deutschen in der Tschechischen Republik beschreibt und für die Frankfurter Buchmesse 2021 nominiert ist.

Nach Berlin kam ich das erste Mal im Frühjahr 2011, als ich mich am Jazz Institut Berlin anmeldete. Damals war ich im dritten Studienjahr am Prager Konservatorium, wo ich Popgesang bei Professor Naďa Wepperová studierte und gleichzeitig am Theater Kalich im Musical Robin Hood auftrat. Doch ich wollte immer noch Jazzmusik und Gesang an einer Musikakademie studieren. In der Tschechischen Republik war die einzige Möglichkeit die Jaroslav-Ježek-Fachoberschule – doch dort nahm man mich nicht. Wenn ich heute darüber nachdenke, so meine ich, das war ein großes Glück für mich.

Im Herbst 2010 war ich auf einem Konzert in meinem Lieblingsjazzclub Jazz Dock, und dort empfahl mir der tschechische Jazz-Schlagzeuger Tomáš Hobzek das Jazz-Institut in Berlin. Das hielt ich für eine gute Idee. Ich sagte mir, Berlin sei nicht so weit weg, mich auf Deutsch unterhalten konnte ich, warum also sollte ich es nicht versuchen. Und so reichte ich meine Bewerbung ein.

Erster Halt: Bahnhof Zoo

Bis heute kann ich mich daran erinnern, wie ich auf dem Berliner Hauptbahnhof ausgestiegen bin und von der großen weiten Welt umgeben war. Ich wohnte in einem Hotel in der Nähe vom Bahnhof Zoo, natürlich wegen des Buchs Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Für den Ausflug und das Aufnahmeverfahren hatte ich mich anständig eingekleidet, ich trug ein Kostüm und einen Hut à la Judy Garland, und als ich über den Kurfürstendamm schlenderte, fragten mich die Leute: Sie wind wohl nicht aus Deutschland, stimmt’s? Das sind meine ersten Erinnerungen an Berlin. Und auch, dass ich schreckliche Angst vor den Aufnahmeprüfungen hatte. Nun, und zwei Wochen später rief mich der Leiter der Studienabteilung an und gratulierte mit, dass ich zum Bachelorstudium angenommen sei.

Ich bereitete mich also auf Berlin vor, aber da ahnte ich noch nicht, dass das größte Problem darin bestehen würde, eine Wohnung zu finden. Schließlich kontaktierte mich über Facebook Marcus, einer meiner künftigen Kommilitonen, und bot mir an, in seiner WG unterzukommen, bis ich eine eigene Wohnung gefunden haben würde. Mehrere Monate schlief ich bei ihm auf der Couch, und wir stehen bis heute in Kontakt; zusammen machen wir das Musikprojekt Scotch&Soda. Fast jedes Wochenende fuhr ich damals nach Prag, wo ich immer noch im Theater Kalich und als Solistin mit der Big Band von Felix Slováček auftrat. Das war Glück, denn so konnte ich mir das Studium und den Aufenthalt im Ausland finanzieren.

Martina Barta. Foto: Vojtěch Hönig

Ich war gerührt, wie die Menschen mir geholfen haben

In Berlin kannte ich niemanden, und ich hatte hier anfangs noch kein ständiges Engagement. Trotzdem entschied ich mich ohne nachzudenken für dieses Abenteuer; als die Chance da war, packte ich meinen Koffer und fuhr los. Ich war zweiundzwanzig, und ich wollte mir etwas Eigenes aufbauen, für mich war das ein Neubeginn. Damals hatte ich Probleme, und Berlin war sozusagen ein Neustart in meinem Leben. Ich war weg von zu Hause und musste mich allein um alles kümmern. Wie oft war ich gerührt, dass mir Menschen halfen, von denen ich das überhaupt nicht erwartet hätte. Ich kann mich noch daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre, wie ich in meinem Lieblingscafé an der Ecke der Fasanenstraße gegenüber dem Theater des Westens gesessen und fast jeden Tag stundenlang am Computer verbracht hatte, wo ich verschiedene Musikagenturen und Kulturinstitutionen anschrieb, ob sie nicht ein Konzert wollen. Und langsam kamen die Engagements. Eines Tages lud mich sogar Georg Strecker in das Varieté Wintergarten ein – dort sah ich zum ersten Mal eine Show, wie es sie in Prag noch nie gegeben hat. Und heute habe ich von ihm das Angebot, im Wintergarten aufzutreten!

Und so sage ich mir, dass ich mich nicht beschweren kann, auch wenn sich meine Karriere nicht raketenartig entwickelt. Schritt für Schritt gehen meine kleinen Träume in Erfüllung, und dabei erlebe ich Momente, die ich nie vergessen werde.

Beispielweise als ich im Lebensmittelladen an der Kasse stand und meinen Wocheneinkauf mit der Karte zahlen wollte und siehe da … die Karte funktionierte nicht. Anfangs war ich wirklich knapp bei Kasse, und so kamen mir fast die Tränen. In dem Moment meldete sich ein junger Mann hinter mir, auch Student, und der bezahlte die dreißig Euro für mich mit den Worten: Ich habe das auch schon erlebt, ich weiß nur allzu gut, was es bedeutet, kein Geld zu haben. Die Erlebnisse gingen manchmal aber auch in die andere Richtung: Ich suchte mir verschiedene Gelegenheitsjobs, ging regelmäßig zu Vorstellungsgesprächen, doch wenn sie meinen Akzent hörten, sagten sie: Aha, du bist Russin, du bist aus Osteuropa, dann kannst du bei uns nur Tassen abwaschen. Den Akzent habe ich bis heute, doch jetzt stört er sie nicht mehr, und ich zerbreche mir deshalb nicht mehr den Kopf. Oder wenn ich mich daran erinnere, wo ich schon überall aufgetreten bin, nur um Geld für meinen Lebensunterhalt und das Studium zu verdienen. So sang ich zum Beispiel mit meiner Jazz-Band im Alt-Berliner Biersalon auf dem Kurfürstendamm, wo größtenteils Leute hinkommen, um Fußball zu schauen … das waren vielleicht Erlebnisse. Wahrscheinlich kann sich jeder vorstellen, wie  anspruchsvoll dieses Publikum war. Aber ich brauchte den Job einfach!

Ich erinnere mich auch gern an die Weihnachtskonzerte mit Henning Protzmann (Gründungsmitglied der legendären Rockgruppe Karat). Es rührte mich, dass die Leute nach dem Konzert zu mir kamen und schon wussten: Ach, Martina kommt aus Prag, Biene Maja, die Goldene Stimme aus Prag, Karel Gott! Schön war, als ich Sedal Sardan von A-Trane kennenlernte, das ist der Inhaber des bekanntesten und ältesten Jazzklubs in Berlin, und als ich das erste Mal dort singen durfte, ging für mich wieder ein Traum in Erfüllung. Jetzt singe ich dort regelmäßig.

Blue Summer Night Festival mit Berliner Rocklegenden (von links Werther Lohse (Lift), Henning Protzmann (Karat, Panta Rhei) Foto: archiv

Berlin hat mir geholfen, meine Krankheit zu besiegen

Berlin hat mir auch geholfen, meine Krankheit zu besiegen. Ich glaube, wenn ich damals nicht weggegangen wäre, hätte ich mich weiter in meine Probleme und Depressionen vergraben. Hier aber begann eine andere Zeit. Ich musste mich um mich selbst kümmern, nicht um meine Krankheit. Ich hatte hier keine finanzielle Hilfe, kein Stipendium, und die Leute in meiner Umgebung wussten, welcher Art meine Probleme waren. Trotzdem habe ich es geschafft, mir etwas Eigenes aufzubauen, und endlich sagte jemand zu mir: Ja, das machst du gut. Auch der beste Arzt nützt nichts, wenn man selbst nichts ändern will. Als ich Erfolg hatte, hörte ich auf, mich mit mir selbst zu beschäftigen, ich wollte nicht immer nur an meine Krankheit denken … einfach, weil keine Zeit dafür war. Man sollte seine Ziele visualisieren und verfolgen und nicht sagen, dass etwas nicht geht. Es stimmt, das erste Jahr in Berlin war hart und anstrengend, da habe ich mich wahrscheinlich jeden Tag gefragt: Schaffe ich das oder nicht? Soll ich nach Tschechien zurückgehen? Jetzt bin ich schon neun Jahre hier und sehr froh, dass ich geblieben bin. Berlin ist eine unglaublich lebendige Stadt, wo man jeden Tag etwas total Interessantes, Abenteuerliches erleben kann. Berlin ist eine Stadt vieler Möglichkeiten, für mich absolut inspirierend und voller interessanter Menschen. Hier lebe ich ein freies Leben, hier habe ich begonnen, normal zu leben. Wäre das in Prag auch so passiert?

Danuše Siering und Martin Bart im Rosa Panzer in Berlin. Foto: archiv