Impfstoff und Gerechtigkeit – mit Karel Čapek

Eine Infektion ist in China entstanden, wurde in einem Pekinger Spital entdeckt und breitet sich als Pandemie auf der ganzen Welt aus. Anstecken kann man sich unter anderem durch Händeschütteln, wobei die tödliche Krankheit nur Menschen ab 45-50 Jahren trifft. Weder Reichtum noch Macht können vor einer Infektion schützen, und Millionen Erkrankte sind bereits an ihr gestorben. Diese Geschichte klingt zwar vertraut, stammt aber nicht aus dem Corona-Jahr 2020, sondern wurde vom tschechischen Schriftsteller Karel Čapek vor mehr als achtzig Jahren erfunden.

31. 1. 2021

Hugo Haas als Dr. Galén in „Die weiße Krank­heit“, Regie: Hugo Haas 1937, Quelle: kultura.sme.sk

Die Pandemie steht im Mittel­punkt seines Thea­ter­stücks „Die weiße Krank­heit“, das im Januar 1937 in Prag urauf­ge­führt wurde. Den titel­ge­benden Namen verdanken das Stück und die fiktio­nale Infek­tion ‚Morbus Tshengi‘ ihrem ersten Symptom: „Das ist ein kleiner, weißer Fleck irgendwo auf der Haut. Er ist kalt wie Marmor und man spürt ihn nicht“. Die wach­sende Pigment­stö­rung auf der Haut wird von Abszessen an den inneren Organen begleitet, die zum Tod durch Sepsis führen.

Čapeks Stück spielt in einem großen namen­losen Land, das von einem Marschall dikta­to­risch regiert und auf einen Erobe­rungs­krieg vorbe­reitet wird. Im Jahr 1937 erkannte man darin eindeutig den Faschismus, obwohl das Thea­ter­stück über diesen konkreten histo­ri­schen Bezug deut­lich hinaus­geht. Viel­mehr leuchtet Čapek das kompli­zierte Verhältnis zwischen Medizin und Politik, zwischen dem Einzelnen und der Masse sowie zwischen viraler und geis­tiger Anste­ckung auf eine Weise aus, die auch für die heutige Situa­tion aufschluss­reich ist.

Medizin im Krisen­modus

„Die weiße Krank­heit“ stellt auf eine sati­ri­sche Weise dar, wie die Pandemie soziale Miss­stände nicht erst erzeugt, sondern als bereits vorhan­dene vor Augen führt. Die Medizin wird durch eine große Forschungs­klinik vertreten, deren Leiter Hofrat Sige­lius sich vor allem um die „zahlenden Kunden“ sowie um das wissen­schaft­liche Renommee kümmert.

Entge­gen­ge­setzt ist ihm ein Einzel­gänger grie­chi­scher Abstam­mung, dessen Name auf einen der bedeu­tendsten Ärzte des Alter­tums und frühen „Epide­mo­logen“ hinweist: Doktor Galén. Früher ein viel­ver­spre­chender Nach­wuchs­for­scher, hat Čapeks Galén die Wissen­schaft verlassen, um seine Familie ernähren zu können. Er betreibt eine Arzt­praxis im armen Stadt­teil, und ihm gelingt es im eigenen kleinen Labor, ein wirk­sames Medi­ka­ment gegen Morbus Tshengi herzu­stellen. Mit dieser Entde­ckung tritt aller­dings kein Ende der Pandemie ein, sondern beginnt der eigent­liche Konflikt.

„Utopi­sche Erpres­sung“

Die fiktio­nale Welt, in der sich Čapeks Pandemie abspielt, erin­nert an die histo­ri­sche Atmo­sphäre von 1937. Ange­sichts der Rüstungs­po­litik NS-Deutschlands musste sich die benach­barte Tsche­cho­slo­wakei auf einen Angriff vorbe­reiten und errich­tete ab 1935 ein Befes­ti­gungs­system entlang den Grenzen. „Die weiße Krank­heit“ nimmt den Ausbruch des Zweiten Welt­kriegs vorweg, indem die namen­lose Diktatur ein kleines Nach­bar­land angreift, das an der Grenze massiven Wider­stand leisten kann.

Eine anti­fa­schis­ti­sche Satire war bereits in Čapeks fantas­ti­schem Roman „Der Krieg mit den Molchen“ von 1936 spürbar: In einer neuen Zivi­li­sa­tion von huma­no­iden Molchen sind zwei ,Natio­nenʻ entstanden, die in einem vernich­tenden Krieg gegen­ein­ander unter­gehen. Aller­dings sind Čapeks Dysto­pien – ange­fangen mit „R.U.R.“ und „Krakatit“ in den 1920er Jahren – stets auf grund­le­gende ethi­sche Fragen der Gesell­schaft und des wissen­schaft­li­chen Fort­schritts ausge­richtet. Deswegen haben sie im Laufe der Zeit nicht an Aktua­lität einge­büßt – das gilt auch für „Die weiße Krank­heit“.

Dort tritt Čapeks Prot­ago­nist Galén als Pazi­fist auf, den eine Vision des Welt­frie­dens im Zeit­alter von Kriegs­ideo­logie und Aufrüs­tung umtreibt. Das entdeckte Medi­ka­ment will er der Gesell­schaft nur unter poli­ti­schen Auflagen zur Verfü­gung stellen, die er in einem Pres­se­ge­spräch formu­liert: „Schreiben Sie, dass dieses Medi­ka­ment kein Volk bekommt, solange es sich nicht dazu verpflichtet, dass… dass… dass es nie wieder einen Krieg führen wird“. Und er seufzt: „Ach, wenn man doch nur so viel Geld für Kran­ken­häuser ausgeben würde wie für Kriegs­ge­schäfte.“

Čapek verknüpft nicht nur das pande­mi­sche Geschehen mit der inter­na­tio­nalen Politik, sondern zeigt im poli­ti­schen Umgang der Prot­ago­nisten mit der Infek­tion auch, wie poli­ti­sche Ideo­lo­gien von der Krank­heit oder ihrer Heilung profi­tieren wollen. Galéns Gegner, der Marschall und seine Anhänger, erklären das „pazi­fis­ti­sche Gerede“ des Arztes zur noch schlim­meren Pest und spielen im Gegenzug die Pandemie mit allen Mitteln herunter.

Mit Galéns Erpres­sungs­stra­tegie wird eine poli­ti­sche Utopie der globalen Frie­dens­ge­mein­schaft in einer mili­ta­ri­sierten Welt entworfen. Die Seuche als Kata­strophe verbirgt in sich eine Chance, der Gesell­schaft ein neues Bewusst­sein zu geben und einen Ausweg aus der poli­ti­schen Misere zu zeigen. Der Über­gang zwischen einem dysto­pi­schen und einem utopi­schen Welt­bild erweist sich somit als flie­ßend.

Syllo­gismen der Gerech­tig­keit

„Die weiße Krank­heit“ macht Para­do­xien der Pandemie sichtbar: Während jede Erkran­kung indi­vi­duell ist, deutet die massen­hafte Infek­tion auf eine Kollek­ti­vität hin und betrifft schließ­lich die gesamte Gesell­schaft. Čapeks Thea­ter­stück zeigt das Span­nungs­po­ten­tial hinter diesem komplexen Verhältnis von Einzelnem und der Gemein­schaft. Denn Galéns „utopi­sche Erpres­sung“ bedeutet auch, dass er die Menschen bis zur Erfül­lung seiner poli­ti­schen Vision weiterhin sterben lässt. In einem Pres­se­ge­spräch stellt er einen Syllo­gismus auf: Dass ein Arzt um jedes mensch­liche Leben kämpfen muss, bedeute, er sei verpflichtet, den Krieg zu verhin­dern. Die buch­stäb­liche Pflicht, jedes reale Leben zu retten, vertauscht Galén mit dem Ziel, die Welt­ge­mein­schaft vor Krieg zu schützen. Das Lebens­recht eines Indi­vi­duums wird von der Sorge um das Allge­mein­wohl verdrängt.

Die Gerech­tig­keit wird von Galén in Kate­go­rien des Kollek­tiven ausge­legt: Solange keine Regie­rung auf seine Forde­rung eingeht, will er mit seinem Medi­ka­ment nur die Armen heilen und denje­nigen die Behand­lung verwei­gern, die einen Einfluss in der Gesell­schaft haben. Sein Handeln begründet er mit einem erneuten Syllo­gismus: „Sehen Sie, es sind schon immer mehr die Armen gestorben, nicht wahr? Und dass muss nicht sein. […] Jeder hat ein Recht auf Leben oder etwa nicht?“

Dieses Lebens­recht über­trägt Galén auf ein Kollektiv, indem an die Stelle des erkrankten Einzel­men­schen eine soziale Klasse oder die ganze Welt­ge­mein­schaft tritt. Während Dr. Galén für das Allge­mein­wohl kämpft, vergisst er das Indi­vi­du­al­wohl und fühlt sich berech­tigt, im Namen der Gemein­schaft Einzel­leben zu opfern.

Leib­lich­keit und poli­ti­sche Ordnung

In Čapeks Stück kann die Pandemie von der Regie­rung in dem Moment nicht mehr herun­ter­ge­spielt werden, als sich die Macht­ver­treter infi­zieren. Nach der Erkran­kung eines Waffen­ma­gnaten treffen der Arzt Galén und der Diktator in einem Streit aufein­ander: Der eine spricht im Namen der Welt­ge­mein­schaft, der andere insze­niert sich als Spre­cher seiner Nation. Während die unver­söhn­li­chen Parteien Medizin und Politik verwech­seln, nimmt sich der infi­zierte Fabri­kant das Leben.

Wo die Politik den Menschen zur Kate­gorie einer gesell­schaft­li­chen Ordnung macht, erin­nert die Krank­heit das Zoon poli­tikon an seine Leib­lich­keit. Bei Čapek erreicht die Span­nung ihren Höhe­punkt, als sich der Diktator selbst ansteckt – derje­nige, der sich davor furchtlos gezeigt und eine Gefahr für sich selbst ausge­schlossen hatte.

„Die weiße Krank­heit“ ist eine scharf­sin­nige Parabel über eine mehr­fach gestörte Balance zwischen Indi­vi­dua­lität und Gemein­schaft­lich­keit sowie zwischen dem Körper und der sozialen und poli­ti­schen Ordnung. Im Laufe des Stücks werden Einzel­men­schen mit einer Pandemie im Lichte von sozialen, ökono­mi­schen, poli­ti­schen und emotio­nalen Zuge­hö­rig­keiten konfron­tiert. Anstelle einer soli­da­ri­schen Gemein­schaft tritt entweder zwischen­mensch­liche Entfrem­dung oder kollek­tive Ideo­lo­gi­sie­rung. Am Ende der Hand­lung steht eine fana­ti­sierte Masse, die von der Pandemie nichts wissen will, Dr. Galén ermordet und somit auch den Diktator zum Tode an der weißen Krank­heit verur­teilt.

An die beiden Prot­ago­nisten, die eine Nation oder eine Welt­ge­mein­schaft zu vertreten glauben, wandte sich der Autor Čapek im Vorwort zum Thea­ter­stück: „Hier sind Deine ,alle Menschenʻ, Galén; hier ist Ihr Volk, Marschall“. Das fiktio­nale Schicksal des Medi­ka­ments gegen die Infek­tion ist düster: Die Ampullen werden unter den Füßen einer aggres­siven Menge zertram­pelt. Es ist also die massen­hafte ,geis­tige‘ Anste­ckung mit einer Ideo­logie, durch die das Medi­ka­ment vernichtet wird.

Impf­stoff und Zuge­hö­rig­keit

Im Jahr 2020 hat sich Karel Čapeks politisch-medizinische Dystopie als über­ra­schend aktuell erwiesen. Auch die gegen­wär­tigen Impf­stoffe scheinen der Gesell­schaft noch Konflikte zu bereiten. Der Impf­stoff ist nicht nur als Gegen­stand des Wett­be­werbs und der Erwerbs­kon­kur­renz in die inter­na­tio­nale Politik verwi­ckelt. Noch mehr provo­ziert er eine Reihe von grund­le­genden ethi­schen Fragen. Wie werden Impf­stoffe zwischen einzelnen Ländern verteilt? Wie wird die Welt­ge­mein­schaft mit der Verant­wor­tung für ärmere Länder umgehen? Welchen poli­ti­schen Status erhält die Impfung im Hinblick auf Rechte und Pflichten? Welche Bevöl­ke­rungs­gruppen werden zuerst geimpft? Und wie kommt diese Entschei­dung zustande?

Wie in Čapeks Thea­ter­stück werden bei all diesen Fragen Vorstel­lungen von Gerech­tig­keit und Gemein­schaft­lich­keit verhan­delt. Denn im Hinblick auf den Zugang zu einer Impfung wird ein Mensch auch durch Zuge­hö­rig­keiten zu einem Land, zu einem Beruf und zu einer Alters­gruppe deter­mi­niert. In dieser Konstel­la­tion müssen Individual- und Allge­mein­wohl, natio­nale und globale Inter­essen sowie konkur­rie­rende Kollek­ti­vi­täten abge­wogen werden.

Čapeks „Weiße Krank­heit“ macht eine Pandemie zum Modell für ein komplexes Verhältnis zwischen dem Einzel­men­schen und den sozial-politischen Gemein­schaften. Hinter diesem Verhältnis steht eine ethi­sche Verant­wor­tung, welche von jedem und jeder Einzelnen mitge­tragen wird. Mithilfe der Figur eines Arztes, der den Welt­frieden erzwingen wollte, schärft das Thea­ter­stück aller­dings auch das Bewusst­sein dafür, wie sich diese Ethik gerad­li­nigen Wertungen entzieht.

Vor allem aber führt „Die weiße Krank­heit“ vor Augen, dass eine ,geis­tige Anste­ckungʻ in pande­mi­schen Zeiten ebenso gefähr­lich ist wie das Virus selbst. Das Ende des Thea­ter­stücks zeigt: Die Ausbrei­tung einer Ideo­logie, die das Virus miss­achtet, ist sogar tödli­cher als die Pandemie. Denn eine massen­hafte Aggres­sion kann die Errun­gen­schaft der Medizin zunichtemachen.


Svetlana Efimova ist Juniorprofessorin für Slavische Literaturwissenschaft und Medien an der LMU München, sie forscht zur russischen und tschechischen Literatur und Kultur.

Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Online-Magazins  „Geschichte der Gegen­wart“ veröffentlicht.