Ich suche nach der Grenze zwischen Witz und Ironie, meine tschechisch-deutsche Erziehung hilft mir dabei

"Die Sprachen, die wir sprechen, prägen unser Denken", sagt Kateřina Sýsová, eine Fotografin mit tschechisch-deutschen Wurzeln. Sie ist eine der drei ausgezeichneten Persönlichkeiten der tschechischen Fotografie des Jahres 2020 in der Kategorie der unter 30-Jährigen und hat gerade ein Kunstfotobuch mit dem Titel Kukbuk fertiggestellt, das die tschechische Gastronomie durch inszenierte Fotografien populär machen soll.

24. 11. 2021 | Barbora Vojtová

Hähnchen mit Paprikasoße Foto: Kateřina Sýsová

In Ihren Fotografien enthüllen Sie oft die tschechische Natur, was fasziniert Sie an ihr und wodurch ist sie Ihrer Meinung nach einzigartig? 

Da beginnen wir gleich mit einer recht schwierigen Frage. Ich denke, das lässt sich nicht in ein paar Sätze fassen. Das Interesse an der tschechischen Kultur in meiner Arbeit rührt vor allem daher, dass ich ihre Besonderheiten aufgrund meiner tschechisch-deutschen Herkunft stärker wahrnehme. Bekräftigt wurde dies noch durch den Umstand, dass es zwar keinen intellektuellen Unterschied zwischen meinen Eltern gab, aber einen starken Klassenunterschied. Während meine Mutter aus einer bürgerlichen, sehr kultivierten deutschen Familie stammt, kommt mein Vater vom tschechischen Land. Das ist an sich schon ein Zusammenprall zweier Welten. Ich will ganz sicher nicht sagen, dass die eine schlechter oder besser ist, aber sie haben ihre Eigenheiten und Regeln, die manchmal nahezu komisch unterschiedlich sind. 

Aber um die Frage zu beantworten, ich persönlich liebe den tschechischen Humor. Er ist unglaublich sarkastisch und schwarz. Das, was man in Tschechien am Esstisch sagen kann, würde in Deutschland nicht durchgehen. Selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, bezieht sich dies nicht nur auf die tschechischen Witze, sondern auf viele Dinge, die wir praktizieren und die wir ganz normal finden. Ich bin zum Beispiel immer vor Weihnachten mit meiner Großmutter auf den Marktplatz gegangen, wo ihr ein Mann einen Karpfen aus einem Bottich fischte und ihn in eine Plastiktüte steckte. Zu Hause füllten wir die Badewanne, ließen den Karpfen aus der Plastiktüte hineinplumpsen und gaben ihm den Namen Pepik. Nach ein paar Tagen landete Pepik ganz selbstverständlich paniert in der Bratpfanne. An der deutschen Natur schätze ich wiederum eine gewisse Art von Ordnung. Aber nicht nur im Sinn eines aufgeräumten Heims, sondern eher im Sinn einer gewissen lebenslangen „Ordnung“. Und auch das üppige deutsche Frühstück. Das bedauere ich wohl am meisten, dass es hier nicht Usus ist. Immer, wenn wir in Tschechien mit Freunden in ein Wochenendhaus fahren bestreicht jeder gleich nach dem Aufstehen sein Hörnchen mit Butter, belegt es mit Schinken und isst es auf. Einfach skandalös!

Apfel im Schlafrock Foto: Kateřina Sýsová

Die tschechische Kultur haben Sie erst in zweiter Linie kennengelernt, obwohl Sie in Tschechien aufgewachsen sind. Dieses Modell fällt etwas aus dem Rahmen, was hat dabei eine Rolle gespielt? 

Meine Mutter war Deutsche und sprach anfangs nicht einmal Tschechisch. Obwohl wir in der Tschechischen Republik lebten, wuchs ich in einem kleinen, deutschen Haushalt auf. Meine Geschwister und ich sprachen nur Deutsch, und wir hörten deutsche Märchen. Ich hatte zwar eine tschechische Großmutter, die mir Geschichten mit dem Maulwurf vorgelesen hat, aber ich habe erst im Kindergarten angefangen, richtig Tschechisch zu sprechen.

War es für Sie schwierig, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem verschiedene Bräuche aufeinandertrafen? 

Auf viele Dinge kam es überhaupt nicht an. Es unterscheidet Sie nämlich in keiner Weise, ob bei Ihnen auf dem Küchentisch eine Butterdose steht, in die die Deutschen immer die Butter legen, von der sie so viel essen, dass sie sie nicht einmal in den Kühlschrank stellen, oder ob der Osterhase am Ostersonntag zu Ihnen „kommt“. Aber eine der wichtigsten Sachen, die mich schon seit der frühen Kindheit beeinflussten, ist die Spracherfahrung. Ich habe deutlich gespürt, wie sehr die Sprache, die wir sprechen, bestimmt, wie wir über die Dinge und die Welt denken. Dem Menschen öffnen sich mit einer weiteren Sprache neue Möglichkeiten, die Dinge und ihre Zusammenhänge anders wahrzunehmen, anders über sie zu denken.

Karpfen Foto: Kateřina Sýsová

Sie haben gerade das Buch mit dem Titel Kukbuk fertiggestellt, das nicht nur ein Fotobuch ist, sondern die tschechische Küche populär machen soll. Warum haben Sie sich ausgerechnet für das Thema Gastronomie entschieden?

Das war ein Zufall, ursprünglich sollte es gar kein Buch werden. Es ging um ein Schulprojekt, bei dem ich mehrere Rezepte fotografiert habe. Aber wie Sie wissen, je mehr man sich mit einer Sache beschäftigt, desto mehr Möglichkeiten bietet ein bestimmtes Thema. Also habe ich beschlossen, dieses Projekt, in dem ich mich auf die tschechische Küche und das Tafeln fokussiere, weiter auszuführen. Und am Ende habe ich dafür mehrere Jahre gebraucht. Die Aufnahmen im Buch fungieren separat und auch zusammen mit den begleitenden Texten, die die Spezifika der tschechischen Küche erklären. So kann der Leser im Kukbuk zum Beispiel den Ursprung des Gerichts Huhn auf Paprika nachvollziehen, sich das entsprechende Foto ansehen und das Gericht auch gleich kochen. 

Die größte Herausforderung war für mich, nach der Grenze zwischen Witz und Ironie zu suchen. Das ist ein äußerst schmaler Grat, denn ich möchte das Thema im selben Moment nicht fallen lassen oder komplett lächerlich machen. Ich stehe oft auf des Messers Schneide und muss nicht selten balancieren. Buchprojekte haben für mich obendrein eine seltsame Anziehungskraft. Es ist ein wunderschönes Gefühl, die Arbeit von mehreren Jahren in Form eines Buches in den Händen zu halten. In diesem Jahr habe ich neben Kukbuk noch ein weiteres Buchprojekt mit dem Titel Aby po nás něco zůstalo über tschechische Schlossherren beendet. Auch wenn die Fotografien in diesem Gesprächsband nicht direkt mit der tschechischen Kultur arbeiten, findet man in ihnen wieder die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Witz und Ernsthaftigkeit.

Kaninchen in Sahnesauce Foto: Kateřina Sýsová

Wer hat für Sie gekocht und die Gerichte stilisiert, oder haben Sie alles selbst zubereitet?

Ich hatte keinen Food-Stylisten, ich habe alles selbst gemacht. Die Zubereitung von Gerichten für die Fotografie ist recht spezifisch und ein interessantes Gebiet an sich. Oft geht es nur um das Aussehen und nicht um den Geschmack, also habe ich zum Beispiel anstatt Schlagsahne Rasierschaum verwendet, der besser und länger seine Form behält. Und es gibt viele solcher Tricks. Es dauert einen ganzen Tag, um ein Gericht zu fotografieren, denn das Chaos aufzuräumen, das dabei entsteht, hat es in sich. 

Für wen ist das Buch gedacht und inwiefern würden Sie sich wünschen, dass es die Leser bereichert? 

Mir war daran gelegen, dass es ein wunderschönes Kunstwerk sein würde, das jeden Buchliebhaber erfreut, und dass dieses Buch Ausländern wirklich als Kochbuch dient, in dem sie die wichtigsten traditionellen tschechischen Rezepte finden können. Für Tschechen hingegen könnte Kukbuk vor allem deshalb interessant sein, weil das Buch eine Fülle neuer Informationen über die Ursprünge ihrer traditionellen Gerichte enthält. Darüber hinaus ist es künstlerisch bearbeitet. 

Schweinefilet (auf Tschechisch „panenka“ – „Puppe“) Foto: Kateřina Sýsová

Haben die Tschechen und die Deutschen ähnliche Rezepte, wie wir sie mit Österreich haben? Und könnten Sie eventuell einige nennen?

Deutschland ist sehr groß und jede Region hat ihre Eigenheiten, was das Essen betrifft. Die tschechische Küche hat viel mehr Gemeinsamkeiten mit der österreichischen als mit der deutschen Küche. Das aktuelle Kukbuk befasst sich jedoch ausschließlich mit der heimischen Küche und wird in englischer Sprache erscheinen, um länderübergreifend über die tschechische Esskultur zu sprechen. Der Fokus des Buches liegt ausschließlich auf den tschechischen Besonderheiten und natürlich geht es – wie bereits erwähnt – nicht nur um ein Fotobuch. Neben den klassischen Rezepten enthält es viele Informationen über den Ursprung der Gerichte, aber auch diverse lustige Geschichten, die manchmal mit der Entstehung der Gerichte verbunden sind. Nur selten einer weiß, dass zum Beispiel die sauer eingelegten Würste „Utopence“ (Ertrunkene) in der Region Beroun von einem Kneipenbesitzer namens Šamánek erfunden wurde. Bis zu dem Moment, als ihr Entdecker ertrank, nannte man sie nicht anderes als Würstchen in Essig. Nach seinem unglücklichen Tod änderte sich das, und bis heute werden sie nicht anders als „Ertrunkene“ bezeichnet. Genau eine solche „urbane Legende“ ist ein Musterbeispiel für tschechischen Humor. Die meisten Ausländer würden eine solche Bezeichnung als unpassend empfinden. 

Auf jeden Fall hat auch die deutsche Küche ausgezeichnete Rezepte – was wieder Stoff für mindestens ein Buch gäbe – und darunter auch eine Reihe lustiger Gerichte. Zum Beispiel Tote Oma, Bienenstich oder Kalter Hund. Hier fällt mir ein, dass Tschechen und Deutsche ein und dieselbe Bezeichnung für Äpfel im Schlafrock haben. Es ließe sich noch viel mehr finden. Ich hoffe, dass ich irgendwann in der Zukunft Zeit haben werde, um mich diesem Thema zu widmen. 

Saure Wurst in Essig & Öl, auf Tschechisch „utopenci – die Ertrunkenen“ Foto: Kateřina Sýsová

Wie würden Sie Ihre Arbeit auf den Punkt bringen? 

Ich übertrage Gedanken in Bilder und füge sie zu kohärenteren Einheiten zusammen. Denn das Bild an sich in der Lage, sehr komplexe Bedeutungen zu übertragen, und obwohl ihre Lektüre an einen bestimmten kulturellen Hintergrund und spezifische lokale Bedeutungen gebunden ist, können sie dennoch ohne Worte kommunizieren.

Tento rozhovor je součástí dvojjazyčné publikace  N&N Czech-German Bookmag  z produkce N&N Magazine, která popisuje příběhy Čechů v Německu a Němců v Česku. Lze ji objednat například přes portál Albatros Media.