Hana Rittsteinová

1. 4. 2019

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Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich für diesen Beruf entschieden haben, den Sie bis heute ausüben?
Zu der Zeit, wo ich studiert habe, wurde der Beruf der Geburtsassistentin als Frauenschwester bezeichnet. Ich habe mich deswegen für diesen Beruf entschieden, da dieser nicht nur mit Krankheiten und Traurigkeit verbunden ist, sondern durch die Entbindungsstation ein positiver Gegenpol besteht. Auch wenn es auf der Entbindungsstation manchmal sehr traurig zugehen kann.

Sie strahlen Ruhe und Lebenserfahrung aus. Wie sehen Sie sich selbst?
Als ich jung war, habe ich gedacht, dass ich die ganze Welt retten kann. Ich wollte immer helfen, wo es ging, leider manchmal auch auf Kosten meiner Gesundheit. Ich denke jedoch, dass ich im Leben Glück hatte. Immer, wenn etwas wirklich Schlechtes kam, wurde dies nach einer Weile wieder durch etwas Gutes ausgeglichen.

Über die Nominierung und den Preis im Wettbewerb Schwester des Jahres haben Sie sich sicher sehr gefreut…
Ja, ich habe dies als Nominierung stellvertretend für alle jetzigen sowie ehemaligen Kolleginnen und Kollegen betrachtet — es war eine Nominierung für die gesamte Allgemeine Universitätsklinik (VFN).

Was waren für Sie die schönsten Momente in der Entbindungsklinik Apolinář?
Als es uns mit Unterstützung der Klinikleitung und des Krankenhauses gelungen ist, eine Klinikpsychologin zu bekommen. Für uns war die Situation unbefriedigend, dass es für Frauen, die hochschwanger ihr Kind verloren oder eine Totgeburt hatten, keinerlei Beistand gab. Wir hatten festgestellt, dass nicht alle Frauen baldmöglichst wieder nach Hause, sondern lieber im Krankenhaus bleiben wollten, damit sie sich jemandem anvertrauen und sich aussprechen können, was für eine große Tragödie dies für sie darstellt. Schöne Momente waren auch die scheinbaren Kleinigkeiten — wenn Sie im Kreißsaal zum Beispiel von einer Mutter nach Ihrem Namen gefragt werden und sie dann ihr Kind nach Ihnen benennt. Das ist ein unbeschreibliches Erlebnis.

Ein gewaltiges Erlebnis ist es auch, wenn sich Frühgeburten mithilfe der Schwestern auf der Neonatologie-Station zu gesunden und stattlichen Babys entwickeln. Mithelfen zu können, wenn es um die Rettung des Lebens einer Mutter oder eines Neugeborenen geht und dies in dem betreffenden Moment als aussichtslos erscheint — das ist ein wirklich unvergessliches Erlebnis. Und wenn diese Frau, wenn sie nach Hause entlassen wird, zu Ihnen kommt, um Ihnen ihr Kind zu zeigen und Ihnen noch Jahre später Kartengrüße zu Festtagen schickt und Sie dann eines Tages mit jener, nunmehr bereits erwachsenen Tochter besucht, die auch beschlossen hat, ihr Kind bei uns auf die Welt zu bringen.

Ich erinnere mich an die Möglichkeiten, welche sich nach 1989 eröffneten — neue Gesundheitshilfsmittel, eine Aufstockung des Personals in der Schicht, Weiterbildungsveranstaltungen oder die Feiern zum Tag der Schwestern. Natürlich muss auch die persönliche Begegnung mit Frau Olga Havlová anlässlich ihres Besuchs unserer Arbeitsstelle erwähnt werden.

Und was waren für Sie die schönsten Momente im Privatleben?
Das ist wahrscheinlich wie bei jedem, der Familie hat – viele schöne Momente sind mit den Kindern verbunden. Wenn ich jedoch auf dem Sterbebett sagen sollte, was am schönsten für mich war, dann sind dies die Erlebnisse, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie mir zuteilwerden würden. Zum Beispiel, wenn ich einen Wal mit dem Schwanz winken sehe…

Was würden Sie gern im nächsten Leben sein?
Vielleicht gerade ein Wal. Darüber habe ich nachgedacht, als ich Dienst hatte und man mir telefonisch mitgeteilt hat, dass mein Großvater verstorben ist. Just in diesem Moment wurde ein Junge geboren, und ich habe mir gesagt, dass sich mein Großvater möglicherweise in diesen verwandelt hat. Als dann meine Großmutter starb, wurde in diesem Moment ein Mädchen bei uns geboren…

Sie unterrichten immer noch, wie sehen Sie die heutige junge Generation?
Ich denke, dass es die heutigen jungen Leute schwer haben. Es strömen viele Informationen auf sie ein und ich denke, dass sie sich bei Weitem viel mehr um alles Sorgen machen müssen. Ich weiß nicht, wie ich in diesem Alter mit so vielen Informationen zurechtgekommen wäre. Wir mussten uns jedoch auch nicht mit so vielen Konsumartikeln auseinandersetzen. Für die heutigen jungen Leute gibt es viele Verlockungen und Möglichkeiten. Mich überrascht auch die Tatsache, wie zielbewusst sie sind und dass das Hauptaugenmerk auf genügend Freizeit und dem Privatleben liegt. Sie haben Hochschulabschluss, aber viele junge Schwestern geben klar zu verstehen, dass sie eine Teilzeitstelle begrüßen würden. Ich schätze es sehr, wenn sie sich für eine Stelle im Ausland — bereits mit Rückkehrgedanken — entscheiden, um ihre Erfahrungen an ihre Kolleginnen und Nachfolgerinnen weitergeben zu können.

Sie wissen sich selbst zu schätzen, sie betrachten sich als einzigartig…
Wie alle sind einzigartig. Jeder von uns hinterlässt prägende Spuren und wir sollten nicht der Meinung sein, dass wir ersetzbar sind. Dies kann äußerst deprimierend für uns sein, wenn wir weiterhin der Meinung sind, dass wir leicht zu ersetzen sind. Sicher, wir sind es, das ist das Leben, aber es ist immer motivierend zu wissen, dass eine Spur — obgleich selbstlos — zurückbleibt, und wir durch Veränderungen die Möglichkeit haben, sie wieder woanders zu hinterlassen.

Text Kateřina Černá Foto Karin Zadrick