Eleganz des Moleküls

26. 11. 2018

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Sein Vater war Apotheker und Doktor der Chemie und leitete als hervorragender Fachmann die größte Apotheke in Mähren. Und so war für Pavel Hobza die Wissenschaft von Kindheit an Bestandteil seines Lebens und eines der bestimmenden Themen der Gespräche mit seinem Vater. Schon in der neunten Klasse des Gymnasiums war für Pavel Hobza klar, dass er sich der Forschung widmen will. Ihn interessierten Atome, Atomkerne und deren Spaltung und Fusion, und später auch Atome, die Moleküle bilden. Bei seinem späteren Studium hatte er das Glück, dass sein Lehrer Rudolf Zahradník an der Akademie der Wissenschaften ihm für seine Dissertation das Thema der nichtkovalenten Interaktionen ausgewählt hat, mit dem er sich bis heute beschäftigt und das ihm auch durch die Entdeckung eines neuen Typs einer unechten Wasserstoffverbindung (Wasserstoffbrückenbindung) den größten Erfolg gebracht hat. Auf das Treffen mit diesem exzellenten Wissenschaftler war ich neugierig, doch zugleich war ich auch ein bisschen nervös und unsicher. Doch durch die freundliche Begrüßung und die Energie, die von einem Menschen ausgeht, der mit seinem Leben zufrieden ist und seine Arbeit liebt, waren meine Befürchtungen wie weggeblasen.

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Wie fühlt man sich, wenn man etwas wirklich Außergewöhnliches entdeckt hat?
Dass Sie etwas Außergewöhnliches entdeckt haben, kriegen Sie meist erst später mit. Und so bleiben die Augenblicke der sofortigen spontanen Begeisterung in der Regel aus.

Welche Rolle spielt in der Wissenschaft das Glück?
Sicher eine ziemlich große. Ohne Glück gibt es keine großen Erfindungen. Sie müssen im richtigen Moment erkennen, was wichtig ist, und dem müssen Sie dann mit ganzer Kraft nachgehen. Das war auch bei unserer Entdeckung der unechten Wasserstoffverbindung so. Wir haben nämlich ursprünglich an etwas ganz anderem gearbeitet. Und als Nebenprodukt ist da etwas aufgetaucht, das auf den ersten Blick nebensächlich erschien. Wir hätten es – so wie es viele vor uns getan haben – einfach übergehen können. Mir ist aber bewusst geworden, dass das von großer Wichtigkeit sein könnte. Und ich hatte das Glück, dass ich Recht hatte.

Welche Bedeutung hat für einen Wissenschaftler die Inspiration?
Für große Erfindungen braucht es eine Idee oder eine Eingebung, und natürlich auch Glück.

Wer hat Sie am meisten beeinflusst?
Ich hatte das Glück, dass ich einige außerordentliche Wissenschaftler getroffen habe, die zugleich auch wunderbare Menschen waren (denn nicht immer ist ein hervorragender Wissenschaftler auch ein wunderbarer Mensch). Ich habe von Ihnen viel nicht über die Wissenschaft, sondern auch über das Leben, über Anständigkeit, Moral, Toleranz und gesellschaftliche Haltung gelernt.

Wen schätzen Sie besonders?
Ich schätze meine Frau, die mich auch nach so vielen Jahren unseres Zusammenlebens noch liebt. Und ich schätze alle anständigen Menschen, die wissen, dass man nicht lügen soll, dass Toleranz dem Nächsten gegenüber eine Selbstverständlichkeit ist und dass man allen helfen soll, die Hilfe benötigen. Die Repräsentanten unseres Staates sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Leider ist dem nicht so. Und das ärgert mich sehr.

Kann ein Wissenschaftler an Gott oder ein Gesetz des Universums glauben?
Ja. Warum nicht? Ich glaube nicht, dass dieses wunderbare und komplizierte Leben und die Welt um uns herum nur ein Werk des Zufalls ist.

Was ist für Sie in der Wissenschaft tatsächlich das größte Geheimnis?
Der Urknall. Die ersten Momente nach dem Urknall, oder eher die letzten Momente davor.

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Professor Pavel Hobza — Ehrenprofessor am Institut für organische Chemie und Biochemie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Wissenschaftler und Hochschulpädagoge, Weinliebhaber, leidenschaftlicher Angler und liebender und geliebter Großvater von vier Enkelkindern, ist Begründer des Wissenschaftszweiges der nichtkovalenten Interaktion. Für sein Lebenswerk in diesem Wissenschaftszeig wurde ihm 2017 der Erwin-Schrödinger-Preis verliehen, der von der World Association of Theoretical and Computational Chemists (WATOC) jedes Jahr an einen Wissenschaftler vergeben wird. Er ist der meistzitierte tschechische Wissenschaftler, und seit 2014 gehört er regelmäßig zu 1% der international meistzitierten Wissenschaftler im Wissenschaftszweig Chemie, die von Thomson Reuters/Clarivate Analytics publiziert werden. Bekannt wurde er durch seine Entdeckung der unechten Wasserstoffverbindung, die die IUPAC (Internationale Union für Reine und Angewandte Chemie) 2011 zu einer neuen Definition der Wasserstoffverbindung
veranlasste.

Text Kateřina Černá Foto Karin Zadrick