Ein unvergesslicher Heiliger Abend

Als Kinder freuten wir uns alle auf die Geschenke, die wir zu Weihnachten bekommen würden. Als Erwachsene fragen wir uns häufiger, welche Freude die Geschenke anderen machen werden. Die Geschichte, die sich in Prag abspielt (die Namen der Beteiligten sind der Redaktion bekannt), ist eher ein Märchen... denn ähnliche Geschichten tragen sich nicht allzu oft zu.

20. 12. 2021 | Danuše Siering

Illustrationsrahmen. Foto: Shutterstock

,,Möchten Sie zu Weihnachten mit Ihren Kindern nicht zu uns kommen und unseren Patienten eine Freude machen? Dieses Jahr haben wir hier wirklich sehr viele…“ fragte mich eine Krankenschwester im Krankenhaus zögernd, als ich erwähnte, dass meine drei Töchter im Teenageralter, die klassische Musik studieren, ein musikalisches Trio gegründet haben. Ich schauderte ein wenig bei dem Gedanken, diese Idee zu Hause meiner Familie zu präsentieren. 

Zeit für große Überlegungen war aber keine. Schon war Heiligabend und bei uns daheim bereiteten sich gerade alle auf den Weihnachtspunsch am Kai vor. Ich hatte nicht erwartet, dass unsere Töchter vor Freude in die Luft springen würden, aber ich wusste, dass sie mich nicht enttäuschen würden. Ich habe mich nicht geirrt. Und nicht nur das, sie trommelten auch noch ihre Freunde zusammen. 

Lampenfieber

Ich war mir nicht sicher, was wir den Patienten vorführen würden und wie die ganze Atmosphäre und Stimmung sein würde. Am Nachmittag machten wir uns auf den Weg zum Krankenhaus, ausgerüstet mit Musikinstrumenten und gedruckten Akkorden für etwa dreißig Weihnachtslieder. Sieben weitere Freunde warteten vor dem Eingang mit Musikinstrumenten und grinsten von einem Ohr zum anderen. Ich atmete erleichtert auf: Wir sind nicht allein!

Ohne Vorbereitung, erfüllt von Demut, drängten wir in festlicher Kleidung und voller Aufregung wie eine große Prozession, die die Heiligen Drei Könige – das waren unsere Töchter in weißen KleiderN&Nbsp;- begleitete, in die Krankenhausküche, wo wir den Köchinnen unsere improvisierte Vorstellung präsentierten. Zuerst marschierten die Geige und die Bratsche, hinter ihnen die Gitarre, die Trommel und die Ukulele und schließlich wir, die Eltern und Großeltern mit den Liedertexten, die wir fest in unseren Händen hielten. Die Köchinnen waren überrascht und sparten nicht mit Weihnachtsgebäck, was uns anspornte. Die Krankenschwestern führten uns dann durch jede Station, öffneten die Türen aller Zimmer, und wir spielten und sangen…

Ich muss zugeben, dass unser Weihnachtslied “ mitten im Elend das arme Kind“  auch auf mich zu wirken begann, vor allem bei dem Blick auf all diejenigen, die dieses Weihnachten nicht so viel Glück hatten und ganz allein in einem Krankenhausbett lagen. Die Menschen in Pyjamas, die in diesem Moment unsere dankbaren Zuhörer waren, hatten Tränen in den Augen, schüttelten unsere Hände, streichelten uns und versuchten zu lächeln, auch wenn es vielen von ihnen schwer fiel; etliche konnten ihre Rührung nicht verbergen. Wir spielten immer neue Lieder und legten auch an Stimmstärke zu, alles vielleicht zwanzig Mal. Einige wollten mit uns reden, andere hörten einfach nur mit dankbaren Augen zu. Frau Eva feierte an diesem Tag ihren vierundneunzigsten Geburtstag und ihren Namenstag. Wir spielten für sie alles, was sie sich wünschte. Die Jungs mit den Gitarren setzten sich zu ihr aufs Bett, während der Rest von uns wie die 12 Apostel, die böse Geister verjagen, um sie herumstanden. Durch das Fenster sah man tanzende Schneeflocken, durch die der Eiffelturm auf dem Petřin-Hügel (Laurenziberg) hindurchschimmerte… 

Ein unerwartetes Treffen

In der obersten Etage erwarteten uns die Palliativstation und schließlich nur noch die Abteilung für Innere Medizin. Als sich unsere letzte Stille Nacht dem Ende zuneigte und ich mich verabschieden wollte, bemerkte ich den fragenden Blick eines der Patienten. Wie groß war meine Überraschung, als ich trotz der Tarnung in einem gepunkteten Nachthemd und der grünen Farbe im Gesicht meinen Chef sah! Schwer zu sagen, wer von uns beiden mehr schockiert war. „Was macht ihr hier?“ „Was machen Sie hier?“ Na ja, die Gallenblase schaut nicht auf den Kalender…“ Die gemischten Gefühle waren nicht zu übersehen und der bärtige Leiter der Haushaltsabteilung, der normalerweise mit seiner tiefen Stimme Respekt einflößte, wirkte plötzlich wie ein Kind, das sich nach einer Umarmung sehnt.

So endete unser erstes Engagement im Krankenhaus, das seitdem in unserer Familie zu jedem  Weihnachten gehört. Als wir nach dem dreieinhalbstündigen musikalischen Auftritt nach Hause zurückkamen, hatten wir nicht einmal mehr Kraft, die Geschenke auszupacken. Obwohl der Heilige Abend gerade erst begann, hatten wir das schönste Geschenk schon erhalten.