Ecce homo Forman

Miloš Forman bezeichnete Radim Kratochvíl als seinen „Fast-Sohn“. Dessen Erinnerungen, ergänzt um bislang unveröffentlichte Fotografien und Geschichten, die Freunde und Kollegen erzählen, ließen das einzigartige Buch „Ecce homo Forman“ entstehen.

30. 5. 2020

Ecce homo Forman

Womit dürfte Ihr Buch den Leser überraschen?

Mit allem. Es handelt sich nämlich um einen erstmaligen Blick auf Miloš Forman aus der Perspektive ihm nahestehender Kollegen und Freunde. Sie erzählen bislang nicht erzählte Geschichten, weil jeder etwas anderes und bei anderer Gelegenheit mit ihm durch- und erlebt hat. Diese Gelegenheiten waren aber immer außergewöhnlich. Die Texte ergänzen gleichzeitig bislang ungesehene Fotografien, die überwiegend aus Privatarchiven stammen. Durch sie lebt der von uns geliebte Miloš in nie dagewesener Authentizität auf, so dass der Leser den Eindruck hat, ihn persönlich kennenzulernen. Das ist meines Erachtens etwas ganz Kostbares. Einerseits werden die Zeitgenossen und Menschen, die sich persönlich an ihn erinnern, immer weniger, aber auch, weil er eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, die jeden zu inspirieren vermag, es genauso weit zu bringen wie er. Pflegte er doch zu sagen: „Es lohnt sich.“

Radim Kratochvíl.

Radim Kratochvíl.

Was ist Ihre erste Erinnerung in Verbindung mit Miloš Forman?

Im Grunde seine abwesende Anwesenheit. Zu der Zeit, als ich heranwuchs, tauchte er bei uns in der Wohnung, wo er einst gelebt hatte, nicht mehr auf. Trotzdem war er irgendwie anwesend. Durch mysteriöse Gegenstände, die in der Wohnung an unterschiedlichen Stellen herumlagen, über tschechische und ausländische Bücher bis hin zu ganz persönlichen Dingen, wie einer Tabakspfeife oder Mütze. Das hat meine Phantasie beflügelt und die Neugier, ihn irgendwann kennenzulernen.

Wie viele Forman nahestehende Personen sind dabei?

Das Buchkonzept lautet: „Miloš Forman aus der Perspektive nahestehender Kollegen und Freunde“. Es geht also nicht um nahestehende Personen im Sinne der Familie. Diesbezüglich respektiere ich auch seine Meinung, dass das Privatleben eines jeden eigene Sache ist. Aber natürlich lebt Miloš Forman durch die Sicht der von mir angesprochenen Menschen in seiner gesamten Authentizität förmlich auf. Eine Vielzahl unterschiedlicher Sichtweisen vermittelt seine Persönlichkeit wie bei einem Mosaik.

Was war für Sie bei der Begegnung mit ihm am wichtigsten und wie würden Sie Ihr Verhältnis zueinander beschreiben?

Ich würde sagen, die Möglichkeit, ihn bei der Arbeit und auch im Privatleben in Augenschein zu nehmen. Die Möglichkeit, einen erstklassigen Profi, aber auch klugen Menschen mit kultivierten Auffassungen unter Wahrung einer sehr menschlichen, verständlichen und mir naheliegenden Aufrichtigkeit ohne Umschweife zu ergründen. Unser Verhältnis lässt sich so beschreiben, wie er mich von Zeit zu Zeit nannte:  seinen „Fast-Sohn“. Ich denke, in diesem Fall darf ich mir erlauben, ihn als meinen „Fast-Vater“ zu bezeichnen.

Was war typisch für den Ort, den er sich in den USA für sein Leben geschaffen hat?

Dass er an ein tschechisches Dorf erinnerte. Vielleicht hat er sich gerade deswegen dort niedergelassen und dann „wie zu Hause“ gefühlt. In den Zeiten des Kommunismus wohl auch besser als zu Hause. Und zu guter Letzt ist er dort tatsächlich heimisch geworden.

Mir scheint, dass er im Grunde recht bescheiden gelebt hat. Ohne was wäre er nicht ausgekommen und woran hat er umgekehrt überhaupt keine Gedanken verloren?

Er lebte im Grunde bescheiden, weil er aus einfachen Verhältnissen stammte und sich als Waise alles selbst erkämpfen musste. Dadurch erwarb er einerseits die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen zu überleben, was mit seiner Selbstständigkeit zu tun hatte. Ich denke, dass er im Grunde ohne alles auskommen konnte, aber als jemand, der durch seine außerordentliche Leistung zu Ruhm und Reichtum gelangte, vermochte er auch zu genießen. Beispielsweise, was gutes Essen und Trinken oder komfortables Wohnen anbelangt.

Radim Kratochvíl

Absolvent des Lehrstuhls für Filmstudien und des Lehrstuhls für Sinologie der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität. Er übersetzt chinesische Filme und stellte kürzlich sein Filmprojekt Deadtown oder der Weg hin und wieder zurück fertig, ein Dokumentarfilm über das Theater der Gebrüder Forman.