„Die goldene Stimme aus Prag“ kennt fast jeder in Deutschland

5. 10. 2019

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Aber ich mag lieber das Lied „Einmal um die ganze Welt“ zu summen. Obwohl Karel Gott das Talent hatte mit seiner Stimme Ost- und Westdeutschland zu „vereinen“, durfte er dieses Lied in der ehemaligen DDR nicht singen. Schließlich war es mit den Prinzipien des Sozialismus nicht vereinbar „eine Reise um die Welt zu machen und darüber hinaus eine Menge Geld zu haben“. Wie fühlte er sich, als er vor ein paar Jahren in die Deutsche Botschaft in Prag eingeladen wurde, um dieses Lied an einem Ort zu singen, an dem Tausende von Flüchtlingen aus der ehemaligen DDR darauf warteten in den Westen reisen zu dürfen? Seine Gabe war etwas, was die heutigen Politikern nicht in der Lage sind zu schaffeN&Nbsp;- sowohl in Russland als auch in Europa anerkannt zu werden. Die Tschechische Republik als Musikbrücke zwischen Ost und West ist ein seltenes Phänomen, das seit 60 Jahren durch ihn andauerte und dessen Geschichte seit heute neue Töne bekommt.

Karel Gott ist in vielen deutschen Fernsehsendungen aufgetreten. Europarty, Rudi Carrell Show, Peter Frankenfeld Show, James Last Show, Peter Alexander Show, Ein Kessel Buntes, Carmen Nebel Show und vielen anderen. Seine Popularität brachte ihm über Millionen verkaufte Schallplatten, Auszeichnungen und viele Fans.  Das waren und sind hauptsächlich Frauen. Er hat an diesem Bild sorgfältig gearbeitet; 2006 in der Berliner Zeitung „taz“ hatte er eingestanden: „Ich wollte von Anfang an erfolgreich sein, weil ich von Frauen bewundert werden wollte. So ist es: Wenn ich eine gutaussehende Frau erobern will, muss ich ein erfolgreicher Mann sein.“

Er war ein gern gesehener Talkshow-Gast. Sein reiches deutsches Vokabular, unterstützt von einem Hauch von Exotik mit dem unverwechselbaren tschechischen Akzent, tiefe Einsichten und gesunder Verstand, überraschten manchmal, er hat nie enttäuscht. Und ich habe mich oft gefragt, ob dieser distinguirte  Gentleman wütend sein kann. Und ich habe nicht geahnt, dass ich eines Tages die Gelegenheit haben werde, dies selber zu erfahren…

Seit fast 30 Jahren fliege oder reise ich von Berlin, wo ich wohne, nach Prag, wo ich arbeite. Mein Sohn Jan war damals drei oder vier Jahre alt, als er mich oft auf der Reise begleitete. Zu dieser Zeit flog Karel Gott ein Jahr lang sehr regelmäßig nach Berlin; fast jede Woche wie wir. Wir haben uns bei der Sicherheitskontrolle kennengelernt. „Komm schon, kleines Mädchen“, hörte ich die ofizielle Stimme, als ich mich mit meinem Sohn dem Detektor näherte. Ihn so anzusprechen war für mich nicht so überraschend. Mein Sohn hat heute noch rotes lockiges Haar, aber damals waren sie bis zu den Schultern lang. Da erklang hinter uns eine laute Stimme: „Sehen sie nicht, dass es ein Junge ist! Da sieht man doch!!“ Die Stimme kam mir bekannt vor. Und tatsächlich. Als ich mich umdrehte, stand hinter uns ein wütender Karel Gott. Dies war der Beginn interessanter Fliegertreffen.  Jan konnte mehrmals mit ihm zusammensitzen, denn es gab immer etwas Interessantes mit diesem Meister zu reden.

Oft holte uns mein Mann vom Flughafen ab und mehrmals haben wir Karel Gott in sein Lieblingshotel Savoy in der Fasanenstraße gefahren. Diese Wahl überraschte nicht. Hotel Savoy war Gastgeber zahlreicher bekannter Künstler wie Maria Callas, Romy Schneider, Greta Garbo, Henry Miller, Thomas Mann und Helmut Newton. Karel Gott gefiel jedoch besonders die Kultbar Timeles, die mit einer eigenen Bibliothek und einem reichhaltigen Angebot an kubanischen Zigarren zu den Klassikern der Berliner Barszene zählt.

Ich habe seinen mutigen Schritt bewundert, mit dem Berliner Rapper Bushido den Alphaville-Hit „Forever young“ zu singen. Auch hier war Karel Gott eine Brücke, die zwei Generationen von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit Noblesse verbinden konnte. Bushido´s  Gruss kurz nach der Bekanntgabe des Abschieds zeigt, dass dies keine einseitige Bewunderung war: „Lieber Karel, richte bitte meiner Mama Grüße aus“.

Karel Gott ging am Vorabend der indischen Feier des Geburtstages von Mahatma Gandhi auf die „andere Seite“. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Die Giganten bleiben.

Text Danuše Siering