Die berühmte deutsche Leistungsfähigkeit? Es zeigt sich, dass es ein Mythos ist

Es gibt eine Eigenschaft, die weltweit mit Deutschland assoziiert wird. Sie heißt „Effizienz“. Ausländer*innen aus Westeuropa, die in Deutschland langfristig leben, müssen darüber jedoch bitter lachen. Laut ihnen leben die Deutschen in Krallen von Bürokraten, die für alles zehn Stempel brauchen und bei der Kommunikation eine unverständliche Amtssprache nutzen. An vielen Stellen kann man nur in bar bezahlen, aber die Bankautomaten sind voneinander ganze Kilometer entfernt. Die Deutschen bauen zwar immer noch ausgezeichnete Maschinen, aber bei der neuen Wirtschaft und den Innovationen bleiben sie zurück.

15. 7. 2021

Noch vor einem Jahr stellte die berühmte deutsche Effizienz niemand groß in Frage, aber mit der Corona-Krise veränderte sich alles. Auf einmal funktionierte nichts mehr. Das Testen fing langsam an und die Nachverfolgung stockte. Der Höhepunkt war die Impfung. Damit man einen Termin vereinbaren konnte, musste man erst einen Brief mit einer Einladung bekommen. Die enthielt einen Code, ohne den man die Online-Registrierung nicht ausfüllen konnte. Viele Senior*innen erhielten jedoch keine Einladung, weil man sie wegen den strikten Gesetzen zum Schutz der Privatsphäre nicht per Post kontaktieren konnte. Und wenn sie den Brief bekommen haben, schickte sie das System oft wegen einem banalen Fehler nach Hause.

„Wo bleibt sie bloß, die vielbeschworene deutsche Effizienz?“ fragte im März in einem langen Kommentar die schweizerische Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Seitdem äußern sich zum deutschen verknöcherten System auch viele andere. „Deutschland ist Weltmeister. Zwar nicht im Fußball. Dafür aber bei Steuern, Sozialabgaben und Strompreisen“, schrieb z. B. das Blatt Thüringer Allgemeine.

Besessenheit von Regeln

Diese Behauptung wurde mit einer OECD-Statistik belegt, laut welcher die Unternehmen in Deutschland die höchsten Steuern auf der ganzen Welt zahlen. Die Deutschen sind im Vergleich zu Japan (29,7 %), Italien (27,8 %) und den USA (25,9 %) mit 31,3 Prozent an der Spitze. Mit 17 Cent pro Kilowattstunde ist Deutschland auch das Land mit dem teuersten Strom in der Europäischen Union. Bei der Downloadgeschwindigkeit – 58 Mbps – landet Deutschland einer Auswertung des Speedtest Global Index zufolge hinter solchen Staaten wie Bulgarien (82 Mbps). 

Als das Blatt Local verglich, wie schnell die Impfung in Großbritannien und in Deutschland vorangeht, wurde auf die Tatsache hingewiesen, dass das britische Gesundheitssystem viele Freiwillige engagierte. Sie seien zwar keine Fachexpert*innen, aber sie wurden schnell eingewiesen und halfen bei der Beschleunigung des Prozesses. 

„Wenn jemand in der deutschen Politik vorschlagen würde, dass man Flugbegleiterinnen oder pensionierten Bankbeamt*innen die Arbeit mit dem Impfstoff beibringen könnte, würde man ihn auslachen. Wir sind so besessen von Regeln und Regulierungen, dass wir blind zu pragmatischen Lösungen wurden, die viel bessere Ergebnisse haben“, schrieb auf Twitter der deutsche Sicherheitsexperte Marcel Dirsus.

Haben Sie die Einkommensteuervorauszahlungen bezahlt?

Dem Thema widmete sich vor kurzem der Server BBC, der zu demselben Fazit kam. Der erste Eindruck von Deutschland ist oft blendend. Polierte Autobahnen, auf denen die Autos blitzschnell rasen, und die Fahrer*innen trotzdem weniger Unfälle als woanders verursachen. Auf den Fußgängerübergängen wartet man, bis Grün kommt. „Aber das, was man deutsche Effizienz nennt, ist nur die deutsche Vorliebe, Regeln einzuhalten“, stellt der Autor fest. 

Und die deutschen Regeln können einen fertigmachen, schreibt Emily Schultheis für das Institute of Current World Affairs. Sie führt viele Beispiele an. Die Ausländer*innen geraten in Kafka-Situationen, wenn sie von den allmächtigen Staatsbeamt*innen in die Ecke gedrängt werden. Sie fordern nämlich ständig neue Bestätigungen, natürlich in Papierform. Diese tragen solche Namen, die von der Existenz einer eigenartigen Sprache, der sog. Amtssprache zeugen. Es wird nicht nur eine Aufenthaltserlaubnis mit vielen Stempelmarken verlangt, welche man nicht immer bekommen kann, sondern auch eine Bestätigung über die Einkommensteuervorauszahlungen

Diejenigen, die in Deutschland einen Führerschein machen möchten, müssen sich einer schriftlichen Prüfung unterziehen, in der es oft um Verkehrssituationen geht, zu denen es in der realen Welt nie kommen kann. Es bleibt nichts anderes übrig, als zu memorieren. „Überall herrscht so ein rigides System, dass es kein System mehr ist“, schreibt die Autorin. Zusammen mit vielen anderen Ausländer*innen fragt sie sich, woher eigentlich die Legende über die deutsche Effizienz kommt und warum sie so hartnäckig überlebt. Darauf haben die deutschen Historiker*innen eine einfache Antwort: es handelt sich um ein Residuum der sog. preußischen Tugenden

Wunder-Serie

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war das heutige Deutschland für Besucher*innen aus Britannien oder den Niederlanden im Grunde genommen ein rückständiges Land, schreibt James Hawes in dem Buch Die kürzeste Geschichte Deutschlands (2017). Es war ein Land des Weins, der Philosophen, der romantischen Dichter und der tiefen Wälder in einer hügeligen Landschaft, durch welche einsame Wanderer herumzogen – so stellte das Land z. B. der Maler Caspar David Friedrich dar. Dann spielte sich in nur zwei Jahren (1870–71) das erste von mehreren Wundern ab – die Preußen besiegten Napoleon III. Auf einmal war da eine erstklassige militärische Großmacht. Es weckte den Anschein, dass dafür ein dunkler Zauber verantwortlich war, schreibt James Hawes. 

Die Preußen vereinten die deutlich unterschiedlichen deutschen Fürstentümer und prägten ihnen ihre Tugenden ein – Genauigkeit, Sparsamkeit, Pflichtbewusstsein und Sorgfältigkeit. Und an erster Stelle die Disziplin. Mit diesem Image arbeiteten die Deutschen erfolgreich auch während des Ersten Weltkrieges – auf einem propagandistischen Plakat war der Kopf von Kaiser Wilhelm auf einem Spinnenkörper. Das Bild teilte mit, die Deutschen seien allwissend und allgegenwärtig. Im Jahr 1934 stellte die Zeitschrift Time den damaligen Präsidenten Paul von Hindenburg mit der Aufschrift Ordnung muss sein dar. Das Wort Ordnung ist in die Weltsprachen eingegangen.

Die Nazis sind Schöpfer eines düsteren Wunders. Sie verwandelten den durch hohe Kriegsschulden erschöpften Staat in ein paar Jahren in eine militärische Supergroßmacht. 

Die „preußischen Tugenden“ bekamen abartige Züge. Das Selbstbewusstsein wurde zur Arroganz, die Ordnungsliebe zur Pedanterie, das Erfüllen von Pflichten zur Unmenschlichkeit, schreibt der Historiker Julius Schoeps. 

Nach dem Krieg kam ein nächstes Wunder, diesmal das Wirtschaftswunder. Die riesige Produktivität verdeckte lange das, was sich hinter ihr verborgen hat – relativ niedrige Löhne und gewaltige Subventionen aus den USA. Auch nach dem Fall der Berliner Mauer blieb Deutschland das Rückgrat seiner Produktivität, der sog. Mittelstand. Eine Wirtschaft, die auf hochspezialisierten Produkten aus den Bereichen des Maschinenbaus und der Industrie baute. Aber sobald es um Dienstleistungen, neue Technologien, Innovationen und die Staatsverwaltung geht, hört die ganze Gleichung der Wunderproduktivität auf zu funktionieren. 

Sinkender Gigant

„In der Rangliste der größten Technologiekonzerne auf der Welt nach dem Maß der Marktkapitalisierung vom Mai 2019 war unter den ersten zehn kein einziges deutsches Unternehmen“, schreibt der Berliner Mitarbeiter von N&N Martin Jonáš. „SAP belegte den 18. Platz, Microsoft übertrifft sie um das Achtfache, der chinesische Online-Shop Alibaba um das Dreifache. Von sog. Unicorns, d. h. jungen Startups, gab es in den USA im Jahr 2019 172, in Deutschland nur 8. In den meisten Ranglisten, welche die Leistung von innovativen Branchen und der Digitalisierung messen, sinkt Deutschland. Es kann mit einer ausgezeichneten Wirtschaftsleistung in den Branchen vom letzten Jahrhundert prahlen. Es ist aber absolut nicht imstande, mit Silicon Valley Schritt zu halten.“ 

Die Staatsverwaltung verlässt sich bis heute vor allem auf das Papier und in vielen Fällen sogar auf das Fax. An der Effizienz des Staatssektors zweifelt man schon seit Anfang des letzten Jahrzehnts, als der Bau vom neuen Berliner Flughafen eine neunjährige Verspätung hatte. Ähnlich ist es mit dem Bahnhof in Stuttgart, der Staatsoper in Berlin oder der Philharmonie in Hamburg ausgegangen. Die Autobahnen, die Eisenbahnstrecken, die Brücken und Kanäle werden älter und bekommen Risse. Warum verherrlicht die Welt also immer noch die deutsche Effizienz? „Stereotype haben ein langes Leben. Ein viel längeres als die Tatsache, die ihnen zugrunde liegt“, sagt Andreas von Schumann von der deutschen Entwicklungsagentur GIZ. 

German Angst

Was ist aber die Ursache dafür, dass der alte Mythos nicht mehr der Wahrheit entspricht? Die Neue Zürcher Zeitung fand gleich mehrere:

1. Überregulierung und der Amtsschimmel. Darüber beschwert sich Elon Musk, der bei Berlin die größte Fabrik für Elektroautos und Batterien auf der ganzen Welt baut. Der Bau geht langsam voran. Das betrifft aber auch Ärztinnen und Ärzte, welche für die Durchführung einer Impfung sechs bis sieben Unterschriften auf verschiedenen Formularen benötigen. 

2. Fatale Liebe zum Papier. Deutschland fordert oft ein digitales Formular und zugleich ein mit der Hand geschriebenes Dokument. 

3. „Deutsche Angst“. Das bedeutet eine Aversion gegen Risiken und eine Skepsis gegenüber neuen Sachen. Hunderte bis Tausende Einwände gegen große Projekte gehören zum Alltag und alle müssen bearbeitet werden, bis das Schicksal von der letzten Eidechse aus dem Sand auf der Baustelle geklärt ist. Kein Wunder, dass das Englische den Germanismus German Angst hat. 

4. Liebe zu epischen Debatten. Wo rasche und pragmatische Lösungen gebraucht werden, verliert sich Deutschland oft in Debatten. Über die Impffolgen und die Klimapolitik streitet man sich todernst und unversöhnbar. 

„Verschwendetes Papier, verschwendete Zeit“. So fasst seine Eindrücke vom gegenwärtigen Deutschland der Korrespondent des Blattes Local James Jackson zusammen. „Veraltete Arbeitsweisen und eine veraltete Software. Eine Menge an Prozeduren. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Mein erster Job in Deutschland betraf die Arbeit an einem gewissen Newsletter. Der wurde bald abgeschafft. Mein Lohn blieb mir und ich hatte nichts zu tun.“

Hier finden sie den Text in der tschechischen Sprache.