Dichter und Germanist Pavel Novotný: Liberec ohne Deutsche ist wie eine abgelegene Sahnetorte

Tschechen und Deutsche kennen und verstehen sich, denken aber anders. "Die Tatsache, dass wir in beiden Ländern gleiche Supermärkte, Autos, Filme oder Musik haben, bedeutet nicht, dass wir dieselbe Literatur schreiben und dieselbe Kunst machen oder dass wir identisch denken", erklärt der aus Liberec stammende Germanist und Dichter Pavel Novotný in einem Interview für die Zeitschrift N&N.

18. 10. 2021 | Josef Straka

Pavel Novotný, Café Fra, Foto: Jitka Hanušová

Du kommst aus Liberec und hast in den letzten beiden Büchern –  Zápisky z garsonky und Dědek (Notizen aus einer Garconniere und Großvater) – Deine Zeit der Jugend und des frühen Erwachsenenalters sehr einfühlsam in poetischen Prosafragmenten beschrieben. Die seltsame Zeit der normalisierten Achtziger und freien Neunziger, doch alles eher durch das Prisma mehrerer Orte gesehen – den Raum in der Garconniere, den Krieg, die Fabrik, das Antiquariat etc. Orte, die von der Zeit geprägt waren, aber alles hatte auch seine besondere, ganz private Zeit. Hast Du einen gewissen Abstand gebraucht, um so über alles schreiben zu können, oder ergab sich das nach und nach? Und woher kam Dein Interesse an Germanistik und deutscher Literatur? 

Lass mich vom Anfang beginnen: Deutsch hat mir meine allseits beharrliche Großmutter beigebracht, und das wirklich mit einem akribischen Unterricht, für den ich ihr im Nachhinein sehr dankbar bin. Der Stoff für Zápisky z garsonky und Dědka war schon seit vielen Jahren in mir gereift, ich hatte (und habe) eine Menge von Notizen und diversen Textfragmenten, konnte aber nicht den richtigen Schlüssel finden, wie ich alles zusammensetzen sollte, welche Perspektive ich wählen sollte etc. Irgendwann kam jedoch der Durchbruch, plötzlich begannen sich die Fragmente zu einem einheitlichen Fluss zusammenzufügen – und die Arbeit an beiden Texten ging wie von selbst. 

Inwieweit spielt die Stadt Liberec selbst eine Rolle für Dein Interesse am deutschen Umfeld, der deutschen Kultur und Literatur? 

Wahrscheinlich liegt es vor allem an der angenehmen Lage, Liberec ist nur fünfundzwanzig Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, in der Nähe von Dresden und andererseits auch unweit von Prag. Die Stadt selbst, früher durch und durch deutschsprachig, wirkt auf mich wie eine ziemlich überdimensionierte und abgelegene Sahnetorte; die heutigen Bewohner sind ein wenig deplatziert, kommen von anderswo und wissen deshalb oft nicht so recht, wie sie sich diesem Ort anpassen sollen. Es wird noch lange dauern, bis die Bewohner von Liberec endlich irgendwie heimisch werden.

Du wurdest in Deiner Arbeit von verschiedenen Autoren beeinflusst, aber ich würde einen Namen nennen – Ferdinand Kriwet. Erzähle doch bitte etwas mehr über ihn und seine künstlerischen Aktivitäten, die immer über den Rahmen der Kunst hinausgingen und ganz markant die Arbeit mit dem Wort und seiner Bedeutung, aber auch mit Klängen betrafen. Ich glaube nicht, dass dieser Künstler im tschechischen Umfeld sehr bekannt ist, und vielleicht nicht einmal im deutschen, oder irre ich mich da? 

Ferdinand Kriwet ist ein Künstler, der sich konsequent zwischen den Gattungen und Medien bewegt und daher eigentlich in keiner künstlerischen Kategorie zu Hause ist, aber gleichzeitig in allen. Deshalb hat er auch keinen festen Platz in Lehrbüchern der Literatur oder gar in Büchern über Kunst oder Architektur. Er ist kein typischer Schriftsteller, kein typischer Hörspielmacher, kein bildender Künstler und kein Musiker, kein Filmemacher und kein Architekt. Gleichzeitig ist er dies alles – und unter bestimmten Voraussetzungen ließe sich das unter der Bezeichnung Dichter zusammenfassen. Poesie bezieht sich bei ihm auf jedes erdenkliche Medium, auf die alltägliche Wahrnehmung des Lärms der Welt. 

Ich schätze ihn unter anderem als Autor einzigartiger Radiocollagen, die vor allem in den sechziger und siebziger Jahren auf der analogen Plattform des Tonbands mit Hilfe von Scheren, Klebebändern und Mischpulten entstanden sind. In dieser Branche gilt er auch als wahre Legende. Auf dem Tonband vermochte Kriwet das Chaos der modernen Realität auf fantastische Weise in eine Musik aus Worten und Klängen verwandeln – und seine Kompositionen sind im Laufe der Zeit nur noch reifer geworden, denke ich.

Er verstarb 2018, wir waren sehr gute Freunde, er hat mich in vielerlei Hinsicht inspiriert und mir vieles beigebracht. In meinem Buch über akustische Literatur (Akustische Literatur, Thelem Verlag, Dresden 2020) habe ich seinem radiophonen Werk ein Kapitel von etwa hundert Seiten gewidmet. 

Pavel Novotný, Café Fra, Foto: Jitka Hanušová

Du beschäftigst Dich mit der Wiener Gruppe, deren Werke Du und Nikola Mizerová übersetzt und anschließend im Verlag Rubato veröffentlicht haben. Woher kommt das Interesse an der Arbeit dieser Gruppe? Dein Hauptinteresse als Übersetzer gilt wahrscheinlich Gerhard Rühm, aus dessen Werk Du, ebenfalls für Rubato, eine Auswahl zusammengestellt hast. Könntest Du auch ein paar Sätze zu diesem Autor sagen? 

Eine unserer Lektorinnen für die deutsche Sprache hat mich einmal auf die Wiener Gruppe aufmerksam gemacht. Sie drückte mir etwas in die Hand und sagte, das sei meine Blutgruppe, und sie lag damit absolut richtig. Gerhard Rühm, eines der ehemaligen WG-Mitglieder, ist einer der wichtigsten Autoren der literarischen Neo-Avantgarde und schon seit den frühen 1950er Jahren in der Literatur- und Kunstszene aktiv. 

Er ist ein Autor, der mit experimenteller Literatur und konkreter Poesie in Verbindung gebracht wird, nebenbei bemerkt verband ihn eine enge Freundschaft  mit Bohumila Grögerová und Josef Hiršal. Ähnlich wie Kriwet, aber mit einer völlig anderen Autorenhandschrift, beschäftigt er sich mit verschiedenen Bereichen und Genres, vom geschriebenen Text oder zum Beispiel dem Typogramm über visuelle Musik, räumliche Objekte bis hin zu Liedern, musikalischen Kompositionen und Hörspielen. 

Er ist ein Künstler, dem es auch heute noch gelingt, zu provozieren: er setzt Pornografie produktiv ein, nimmt monotheistische Religionen, insbesondere das Christentum, aufs Korn und bringt scheinbar unpoetisches Material in seine Poesie ein. Er hat einen großen Sinn für Humor, für extreme Kürze, er ist ein Dichter nicht nur der Worte, sondern auch der Gesten, der Linien, der Töne. 

Du bist Leiter des Lehrstuhls für deutsche Sprache an der Technischen Universität Liberec. Wie siehst Du unter diesem Gesichtspunkt die tschechisch-deutschen Kontakte und Beziehungen zwischen Universitäten und Fachkreisen? 

Was die tschechisch-deutschen Hochschulbeziehungen betrifft, habe ich überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Ich selbst hatte die Gelegenheit, mich in Deutschland zu habilitieren, und als Germanist fand ich das angemessen und sinnvoll, gleichzeitig aber auch herausfordernd. Unser Lehrstuhl steht in Kontakt mit einer Reihe von ausländischen Universitäten, zum Beispiel mit der Universität Wien, Regensburg, Dortmund, Dresden oder auch Zürich, und unsere Studenten profitieren natürlich von ausländischen Stipendien. Die Beziehung zwischen dem universitären Umfeld und breiteren Fachkreisen ist ein Kapitel für sich, da die Universitäten durch ihr Punktesystem gezwungen sind, sich eher innerhalb ihres geschlossenen akademischen Glashauses zu bewegen. Natürlich gibt es Abweichler, und es ist gut, dass es sie gibt. 

Pavel Novotný, Café Fra, Foto: Jitka Hanušová

Was ist aus Deiner Sicht bezeichnend für die zeitgenössische deutsche Literatur und was für die tschechische? Was eint sie und wo siehst Du Unterschiede?

Die beiden Kulturen sind durch eine lange Koexistenz und Nachbarschaft verbunden, aber natürlich gibt es grundlegende Unterschiede in der Entwicklung und historischen Erfahrungen. Dies spiegelt sich natürlich auch in literarischen Texten wider. Die Tschechen haben keine solche Kriegs- und Nachkriegsdezimierung erlebt, wie die Deutschen, auch nicht in Bezug auf ihre eigene Sprache, sie haben nicht annähernd so viele Erfahrungen mit Multikulturalität und Migration, sie sind nicht in zwei Staaten geteilt worden usw. 

Die Westdeutschen hingegen haben keinen realen Sozialismus und keine Normalisierung erlebt, die Wiedervereinigung bedeutete für sie etwas anderes als für uns die Samtene Revolution – und so weiter. Die Tatsache, dass wir heute in beiden Ländern die gleichen Supermärkte, Autos, Filme oder Musik haben, bedeutet nicht, dass wir die gleiche Literatur schreiben und die gleiche Kunst machen oder dass wir identisch denken – wir sind von unterschiedlichen Erlebnissen und Traumata geprägt, die oft nicht übertragbar sind. 

Außerdem sind hier zwei Sprachen im Spiel, zwei Codes, die sich stark unterscheiden und vielleicht sogar die Art und Weise bestimmen, wie wir unsere Gedanken und unser (literarisches) Denken verfassen. Auf der einen Seite das exakte germanische Lego, auf der anderen Seite das wohlklingende und manchmal etwas unergründliche Tschechisch. Nein, die Tschechen haben einfach keinen Michael Lentz oder Anja Utler, so wie die Deutschen keinen Peter Hruska oder Pavel Kolmačka haben. Wir sind eingezwängt in unsere Sprachen, in aktuelle politische, soziale oder historische Erfahrungen. Aber wir verstehen einander, wir kennen einander. Irgendwie, ganz grob gesagt. 

Woran hast Du in der letzten Zeit gearbeitet? Du musst nicht konkret werden, aber welche Fragen stellst Du Dir jetzt für Dein Schreiben? Oder was hat Dich in letzter Zeit so sehr beschäftigt, dass Du darüber schreiben willst? 

Ich beende jetzt gerade ein Buch über tschechische phonetische Poesie, das ist zwar ein wissenschaftliches und ziemlich trockenes Buch, aber es basiert auf dem, was ich als Autor und als Leser oder Zuhörer mag. In diese Sache bin ich momentan sehr vertieft, ja. Und was meine eigene Arbeit angeht, da lässt sich wohl vieles mehr nennen: ich würde endlich gern meine alten Liedertexte in ein Buch packen und mit ihm auch Aufnahmen herausgeben; mich interessiert auch die Arbeit mit abstrakten, scheinbar unverständlichen Reden. Auch das Phänomen der Selbstausbeutung fasziniert mich schon lange, aber das wäre eine längere Geschichte. 

Pavel Novotný (*1976) Dichter, Übersetzer, Germanist, Pädagoge, arbeitet am Lehrstuhl für deutsche Sprache an derTechnischen Universität in Liberec. Er ist Autor zahlreicher Gedichtbände, darunter „Tramvestie“, „Zevnitř“ und „Zápisky z garsonky“ (Magnesia Litera 2021); zusammen mit Helena Skalicka schrieb er die Prosa “ A to si pak můžeš řikat, co chceš“ (Und dann kannst du sagen, was du willst). Die Sammlung „Tramvestie“ schrieb er ebenfalls als Libretto für die gleichnamige Oper von Petr Wajsar (Neue Szene ND, 2019). Er schuf eine Reihe radiophoner Kompositionen für den Tschechischen Rundfunk ČRo3 Vltava. Übersetzt hat er zum Beispiel Hans Magnus Enzensbergers Gedichtzyklus „Zánik Titaniku“ (Der Untergang der Titanic) und zusammen mit Nikola Mizerová auch Enzensbergers „Mauzoleum. Sedmatřicet balad z dějin pokroku“ (Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts) oder die Anthologie der legendären „Wiener Gruppe“. Als Literaturwissenschaftler interessiert er sich für literarische Collage und Montage sowie für akustische Literatur und experimentelle Hörspiele. Mehr über den Autor unter www.pavelnovotny.net.