Deutschland ist ein Land der Leser. Hier ist unser Leitfaden für die deutsche Presse

Mit einem jährlichen Umsatzvolumen von 10,6 Mrd. Euro steht Deutschland im europaweiten Vergleich an der Spitze auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt. Die Vielfalt von Tageszeitungen ist breit. Für den, der der deutschen Sprache mächtig ist, bietet sich die Frage, was lohnt sich wirklich zu lesen? Und welche Tagespresse wird am meisten gelesen? Nun, es kommt ja bekanntlich auf den Geschmack an und das intellektuelle Fassungsvermögen.

17. 5. 2021

In Deutschland leben über 83 Mio. Menschen, von denen 6,2 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben können. Auch wenn dieser traurige Trend heruntergeht, wie die DW schreibt, existieren in Deutschland immer noch insgesamt 12,1 Prozent der Menschen zwischen 18 und 64 Jahren, für die auch einfache deutsche Texte eine unüberwindbare Hürde darstellen.

Trotzdem ist Deutschland ein Land der Leser. Nach USA und Japan verfügt Deutschland mit 6 Mrd. Euro Umsatz (2018) über den drittgrößten Buchmarkt weltweit; rund 60 Prozent der Bundesbürger kaufen jährlich mindestens ein Buch. PricewaterhouseCoopers PwC prognostiziert bis 2024 für den deutschen Büchermarkt weiterhin wachsende Umsätze. Der Gesamtumsatz im Jahr 2024 wird von PwC auf knapp 7,9 Milliarden Euro geschätzt. Darüber hinaus ist Deutschland Gastgeber des größten “Buchfestivals” der Welt – der Frankfurter Buchmesse.

Mit einem jährlichen Umsatzvolumen von 10,6 Mrd. Euro (2019) steht Deutschland im europaweiten Vergleich auch an der Spitze auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt. 7,5 Mrd. Euro entfallen auf Zeitungen, 3,1 Mrd. Euro auf Zeitschriften.

Laut dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) lag die Anzahl der Publikumszeitschriften im Jahr 2019 bei mehr als 1.570 Titeln. Die auflagenstärksten sind in Deutschland die Programmzeitschriften tv14, TV Digital Hörzu und TV Direkt. Gemessen an den Anzeigenumsätzen waren die Nachrichtenmagazine Stern, Spiegel sowie das Promi-News Magazin Bunte im Jahr 2019 am erfolgreichsten.

Die Vielfalt von Tageszeitungen ist breit. Für den, der der deutschen Sprache mächtig ist, bietet sich die Frage, was lohnt sich wirklich zu lesen? Und welche Tagespresse wird am meisten gelesen? Nun, es kommt ja bekanntlich auf den Geschmack an und das intellektuelle Fassungsvermögen.

1. Wer Nachrichten, Klatsch und Sensationen liebt, sollte Bild lesen. Mit einer verkauften Auflage von derzeit rund 1,18 Millionen gedruckten Exemplaren täglich ist die Bild-Zeitung aus dem Axel-Springer-Verlag Deutschlands meistverbreitete Tageszeitung. Seit 2020 befindet sich der Verlag in der Hand der US-amerikanischen börsennotierten Beteiligungsgesellschaft KKR, was hierzulande weitgehend unbekannt ist.

2. Die Süddeutsche Zeitung ist nicht nur wegen der Aufmachung jedermanns Geschmack. Trotzdem: mit 279 000 Exemplaren belegt das politisch links-grün orientierte Blatt (nicht ganz so radikal wie die TAZ) Platz zwei bei der Verkaufsauflage.

3. Die einst konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ist seit dem bedauerlichen Tod des Mitherausgebers Frank Schirrmacher im Jahre 2014 zu einem Medium der Bundesregierung mit herabgestuftem Niveau geworden. Das belegen auch die Zahlen: Die verkaufte Auflage der FAZ lag im erstem Quartal 2021 bei rund 204.400 Exemplaren. Gegenüber dem ersten Quartal 2013 war das ein Auflagenrückgang um rund 134.000 Exemplare. Notwendig zuzugeben, dies hängt auch mit dem generellen Rückgang der Leserschaft bei der Print Presse zusammen… aber nicht nur.

4. Das Handelsblatt mit fast 88 000 verkauften Exemplaren gehört zu dem Familienunternehmen DvH Medien GmbH (genauso wie das Magazin Wirtschaftswoche). Was sich inhaltlich dahinter verbirgt, sagt schon der Name.

5. Die Welt, die – neuerdings verstärkt – dem konservativen Spektrum zuzuordnen ist, hat einen erstaunlichen Niveauschub bekommen, seit dem Stefan Aust der Herausgeber ist. Weil sein ehemaliger Arbeitgeber Spiegel sich von einem Nachrichtenmagazin zu einem Tendenzmagazin gewandelt hat, hatte der ehemalige Chefredakteur den Spiegel im Jahre 2008 verlassen. Bei der Welt kann er seine Vorstellungen von gutem Journalismus in einem gelungenen Tandem mit dem Chefredakteur Ulf Poschardt fortsetzen.

Was den berliner Markt betrifft, so gehören zu den größten Spielern vier Tageszeitungen:

1. Der grün-linke Tagesspiegel die höchste Auflage unter den Berliner Abonnementzeitungen, er wird vorwiegend im westlichen Teil der Stadt gelesen. Er erscheint im Verlag Der Tagesspiegel, der (genau wie das Handelsblatt) zu dem DvH Medien gehört. Die Leser nehmen für sich in Anspruch, der eher intellektuellen Mittelschicht zugeordnet zu werden.

2. Die Berliner Zeitung wird vor allem in den östlichen Bezirken der Stadt gelesen; bis zur Wiedervereinigung erschien sie ausschließlich in der DDR und war, im Gegensatz zum Neuen Deutschland, etwas bürgerlicher. Der Herausgeber Holger Friedrich war in der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi tätig. Große Teile der Leserschaft dürften Symphatisanten der SED Nachfolgepartei “Die Linke” sein.

3. BZ ist ein Revolver Blatt wie die Bild Zeitung und erscheint unter der Rigide des Springerverlages, genauso wie…

4. Die Berliner Morgenpost, die ihrerseits auf einem für eine Lokalzeitung gehobenem Niveau präsentiert wird und eher konservativ ist.

Zu erwähnen bleibt noch die Handvoll der Persönlichkeiten, deren Brillianz das Niveau des deutschen Journalismus hochhält: Don Alphonso, Henryk M. Broder, Jan Fleischhauer, Roland Tichy, Frank A. Meyer, Christoph Schwennicke. Einer ist hinzugekommen und mehr als erwähnenswert.

Wie Phönix aus der Asche ist 2018 auf dem deutschen Medienhorizont Gabor Steingart erschienen. Kein unbeschriebenes Blatt: sechs Jahre bis 2007 leitete er das Hauptstadtbüro vom Spiegel in Berlin, danach drei Jahre dessen Büro in Washington. Von 2010 bis 2018 war er in Führungsposition beim Handelsblatt. Mit seiner Vision sich von “Zuckerberg & Co.“ unabhängig zu machen, hat er den Verlag ThePioneer gegründet, der nur auf zwei festen Säulen gebaut ist – dem abonnierten Newsletter und dem Podcast, der auf dem eigenen Medienschiff ThePioneerOne – schwimmend auf der Spree in BerliN&Nbsp;- aufgenommen wird. Sein Anspruch ist hoch: “Wir wollen dem Journalismus eine neue ästhetische Form geben. Der typische Beitrag auf ThePioneer soll sprachlich präzise, fachlich fundiert und elegant formuliert sein. Wir messen Erfolg nicht in Likes, sondern in Erkenntnisgewinn. Relevanz entscheidet.

Trotz dieser Vielfalt ist es erstaunlich, wie viele intellektuelle Leser doch noch ein anderes Blatt – aus völlig unerwarteter Ecke – lesen. Wer eine genuine Analyse der Zustände in Deutschland haben möchte, liest heute die Züricher Zeitung NZZ, die ihren Deutschlandteil mit zehn deutschen Journalisten in München, Frankfurt und vor allem in Berlin erheblich erweitert hat. Tendenz steigend. Wo liegt der Erfolg der NZZ, fragen sicher viele? Vielleicht ist es die Bastion der Nüchternheit, die vielen deutschen Medien fehlt.