Der nachhaltige Skandal namens Deutsche Bank

Deutschlands größte Bank lügt traditionell, wenn es darum geht, ethische Anlagestandards einzuhalten, sagt ihr (nun ehemalige) Topmanagerin. Die tschechischen Banken sind bisher von ähnlichen Problemen verschont geblieben, vor allem weil Tschechiens heimischer Teich zu klein ist.

23. 9. 2021

In Deutschland wird die sogenannte Idee der unternehmerischen Nachhaltigkeit mit großem Nachdruck verfolgt. Im August bekam der DAX-Index der Frankfurter Wertpapierbörse ein Geschwisterchen in Form des DAX ESG Target Index, der aus vierzig Unternehmen besteht. Die Deutsche Börse rechnet mit großem Interesse an dem neuen Produkt, denn Anlagen mit dem ESG-Siegel (Environmental, Social and Governance) sind weltweit ein Renner. Allein im vergangenen Jahr sammelten ESG-Fonds 51 Milliarden Dollar ein, doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Der neue grüne Bruder des DAX-Index bietet Anlegern die Gewissheit, dass die im Index enthaltenen Unternehmen nachhaltig sind. Das bedeutet unter anderem, dass je weniger Kohlendioxid sie ausstoßen, desto besser, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Es ist also alles in Ordnung. Bis sich herausstellt, dass es ein Betrug ist.

Eine Doppellüge?

Deutschlands berühmtestes Finanzhaus, die Deutsche Bank, steht kurz vor einer solch unangenehmen Enthüllung. Dies, nachdem die Tochtergesellschaft DWS, die für grüne Anlagen zuständig ist, über Nacht ein Vorstandsmitglied, die Amerikanerin Desiree Fixler (ein besserer Name für eine Spitzenkraft im Finanzbereich ist kaum denkbar), entlassen hat. Fixler klagt seitdem nicht nur wegen angeblich unrechtmäßiger Entlassung, sondern wäscht auch öffentlich die schmutzige Wäsche ihres Ex-Arbeitgebers, der ihrer Meinung nach über die ESG lügt wie gedruckt.

Desiree Fixler

„Es geht nicht darum, dass die DWS falsch definiert hat, wie Investments nach ESG-Standards aussehen sollten, sondern um den Unterschied zwischen dem, was das Unternehmen nach außen zu diesem Thema sagt und wie es intern darüber redet“, zitierte der Spiegel Fixler Anfang September. „Die DWS wirbt damit, dass ihre Compliance-Standards weltweit führend sind und weit über dem Durchschnitt liegen, aber innerhalb des Unternehmens wird davon gesprochen, dass sie dies nur unzureichend und auf undurchsichtige Weise tut. Während sie öffentlich behauptet, dass die überwiegende Mehrheit ihrer Investitionen ESG-konform ist, gibt sie hinter verschlossenen Türen zu, dass es nur bei einem Bruchteil davon der Fall ist.

Fixler wurde im Frühjahr entlassen, nachdem sie bei ihren Vorgesetzten Einwände gegen Diskrepanzen zwischen offiziellen und internen Daten über den Grad der Einhaltung von ESG-Standards bei Unternehmen, in die eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank investiert, erhoben hatte. Dies habe dazu geführt, dass die Investitionen der Bank insgesamt wesentlich „grüner“ aussahen als die Realität.

Fixler schließt die Möglichkeit aus, dass es sich um einen Zufall oder einen einfachen Fehler handele. „Der DWS-Vorstand war sich der Fehler, des operativen Risikos und der Darstellung falscher Informationen in der Öffentlichkeit sehr wohl bewusst“, sagte Fixler dem Spiegel. Das Problem lag bei dem DWS-Chef Asoka Wöhrmann, der alle ihre Versuche, die Situation zu korrigieren, unter den sprichwörtlichen Teppich kehrte. „Wir hatten ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis, aber es wurde nie eine Lösung gefunden“, sagt seine ehemalige untergestellte. Andererseits ist sie sich nicht sicher, inwiefern der Chef der gesamten Deutschen Bank, Christian Sewing, das Problem sieht, obwohl er auch bei einigen der DWS-Managementsitzungen anwesend war.

Die Regulierungsbehörden untersuchen bereits

Wöhrmann und der Vorstand der DWS hingegen behaupten, Fixler sei entlassen worden, weil sie selbst die Einhaltung der ESG-Standards zu lasch überwacht habe. Ihre sehr kritischen Medienauftritte gegenüber der DWS-Geschäftsführung seien lediglich Ausdruck ihrer persönlichen Frustration über ihr berufliches Versagen, weshalb sich das Unternehmen nicht dazu äußern werde.

Der Streit wäre bei der Aussage gegen Aussage Situation gebliebeN&Nbsp;- aber leider haben die Behörden, nämlich die Finanzmarktaufsichtsbehörden in Deutschland und den Vereinigten Staaten, bereits eingegriffen. Insbesondere die letztgenannte Untersuchung könnte für die Bank sehr unangenehm werden, da die US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC) dazu neigt – in den Worten des Bloomberg-Finanzkommentators Matt Levine – „anzunehmen, dass jede schlechte Nachricht auch ein Betrug an den Aktionären ist“.

Darüber hinaus wurde die Deutsche Bank in den letzten Jahren mit vielen anderen Skandalen in Verbindung gebracht, von der russischen Geldwäsche in Estland bis hin zur Beihilfe zum Steuerbetrug (aufgedeckt in den als Panama Papers bekannten Dokumenten). Es ist daher wahrscheinlich, dass die Regulierungsbehörden keinen Grund haben werden, in diesem Fall eine besonders versöhnliche Haltung einzunehmen.

Schnell Lernende

Tschechische Finanzinstitute sind bisher von ähnlichen ESG-Prozessen verschont geblieben. Dafür gibt es zwei Gründe, die die tschechische Szene nicht zwangsläufig anführen wird. Erstens haben alle großen in der Tschechischen Republik tätigen Banken ausländische Eigentümer – Komerční banka in Frankreich (Société Générale), ČSOB in Belgien (KCB), Raiffeisenbank und Česká spořitelna (Erste) in Österreich, Unicredit in Italien usw. Ihre tschechischen Niederlassungen sind daher in einer relativ kleinen und ruhigen Ecke der globalen Finanzszene tätig.

Zweitens ist der Umfang der Investitionen an der tschechischen Börse in dieser Szene vernachlässigbar, anders als z.B. an der Warschauer Börse. Das Problem der (un)wahrheitsgemäßen Darstellung von ESG-Daten hat Prag also noch nicht in vollem Umfang erreicht. Bekanntlich lernen die Tschechen in diesem Bereich jedoch schnell.