Das Berliner Schloss: Disneylandkulisse oder tröstende Stadtreparatur? (TEIL III.)

Interview mit Wilhelm von Boddien, über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, dessen Rekonstruktion ihm zu verdanken ist.

22. 8. 2021

Der Generalintendant des Humboldt Forums Hartmut Dorgerloh eröffnete mit den Worten kürzlich „Wir sind kein Museum – wir sind ein Kulturzentrum, Projektionsfläche für neue Ideen und Wünsche.“ Das hört sich zunächst anspruchsvoll an, erinnert danach ein bisschen an die fehlenden Kleider des Kaisers, denn natürlich ist das Humboldt Forum in erster Linie ein Museum. Anstelle einer „Projektionsfläche“, die lediglich Vorhandenes widerspiegelt, könnte man sich einen lebendigen Aktionsraum vorstellen.

Damit habe ich selbst meine Probleme. Die Kommission Historische Mitte Berlin hat das Schloss als Kunstmuseum für die außereuropäischen Kontinente konzipiert, sie hat jedoch gleichzeitig bestimmt, dass diese Museen ihren Besuchern die fremden Kunstwerke in einer Weise nahebringen müssen, die deren Hintergründe verständlich macht. Ein überaus politischer Auftrag, denn erst wer die Probleme versteht, entwickelt auch Verständnis für deren Andersartigkeit. Diese Verständigungsbereitschaft des Einzelnen ist Voraussetzung für ein breites öffentliches Verständnis von Globalisierung und Migration.

Schauen Sie sich ein Beispiel hierfür an: Der afrikanische Kontinent ist im Hinblick auf die Bevölkerung der am schnellsten wachsende Kontinent mit jährlich 30 Millionen Menschen mehr. Wenn wir in Europa 1 Million Migranten aufnehmen, verschieben wir die afrikanischen Probleme um ganze 12 Tage. Und weil der Kontinent jung ist und mit schnelleren Generationenfolgen zu rechnen ist, hat das Humboldt Forum den hochpolitischen Auftrag, durch die Verbreitung von Kenntnis fremder Kulturen und über das Verständnis dieser, im Verbund mit anderen Ländern in Debatten und Konferenzen gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln. Die afrikanischen Probleme lösen wir nicht über die Migration nach Europa, sondern vor allem über die Stärkung der örtlichen Wirtschaft durch Direktinvestitionen, da der Kontinent seine wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichend ernähren kann, wozu die Ausdehnung der Wüsten beiträgt. Die Vermittlung der Großartigkeit auch der afrikanischen Kulturen hilft dabei, europäische Überheblichkeiten gegenüber deren früher als trivial bezeichneten Künsten zu beenden. Das ist eine Voraussetzung für Verhandlungen auf Augenhöhe ohne gönnerhaftes Verhalten. Auch für solch hochpolitische Brisanzen ist das Humboldt Forum neben seiner musealen Tätigkeit erdacht worden.

Ein großes Thema ist heute die Restitution kolonialer Kunst.

Ja, das Humboldtforum sieht heute seine Hauptaufgaben in der Dekolonisierung – was immer das ist – in der Restitution kolonialer Raubkunst und in der Beschreibung der Geschichte des Ortes. Das ist zu kurz gesprungen. Wenn ich an die Restitutionsdebatte denke, werden da Dinge aufgebauscht. Wir wollen mal wieder Vorbild sein, am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Die Engländer und andere ehemalige Kolonialmächte schütteln nur den Kopf. Für die Rückgabe von Kulturgut aus Kolonien brauchen wir eine internationale Konferenz – wie die Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden die verbindlich für alle ehemaligen Kolonialmächte voraussetzt, was wie zu behandeln ist. Wir Deutschen haben nicht die größten Bestände, die Museen in Amerika, in England, in Frankreich oder Belgien sind voller Raubkunst, wenn Sie so wollen. Wenn Sie die Themen Globalisierung, Migration und andere uns heute bedrückende Sorgen lösen wollen, geht das nur auf einer internationalen Ebene, mit allen an einem Tisch.

Berliner Schloss-Attrappe: „Das Plastikschloss“ nannte man gern die künstliche Fassade am ehemaligen „Palast der Republik“, die einen Eindruck vermitteln sollte, wie das wiedererrichtete Stadtschloss im inzwischen veränderten Stadtbild wirken würde.

Deswegen wird Hartmut Dorgerloh Generalintendant genannt, weil er sich dieser großen Problemstellungen annehmen und die Basis für die damit verbundenen Auseinandersetzungen im Humboldt Forum schaffen soll. Er sollte jetzt Tagungen, Vorträge, Kongresse und Veranstaltungen organisiereN&Nbsp;das ist sein Auftrag -, die zu diesem besseren Verständnis führen. Deshalb ist der Eintritt frei, damit eben derjenige, der am Stammtisch sitzt und rumräsoniert und keine Ahnung hat, kostenlos reinkommt und sich ein echtes Bild von der Sache macht, anstelle sein gefälschtes Bild zu behalten.

Der Auftrag der Kommission Historische Mitte war wesentlich umfangreicher, als heute sichtbar wird. Für einen Kassensturz ist es noch zu früh, man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. In ein, zwei Jahren werden wir sehen, ob das Humboldt Forum seinen eigentlichen Auftrag erfüllt. Die Chance muss es haben. Und ich bin sicher, dass dies gelingt, wenn die Politik dafür genügend Gestaltungsfreiheit lässt.

In der Gastronomie sind Spiegel wichtig. Als angehender Klubbetreiber hatte ich 1996 vierzehn Stück gekauft, je 2m x 2,5m, große Sicherheitsdoppelglasspiegel auf Holzplatten verklebt, das Stück zu 400,00 DM, mit denen wir Wände und Decken unseres brandneuen Klubs belegten, unweit des Schlosses am Hackeschen Markt. Die Spiegel waren ausgediente Bestandteile der Schlossattrappe, die Sie…

Ach Gott!

…1993 auf dem Schlossplatz aufstellen ließen, um die Berliner mit einer barocken Illusion aus bedruckten Stoffbahnen zu begeistern und mit einem Spiegeleffekt den Grundriss des Schlosses über die Grenzen des Palastes der Republik hinaus nahezubringen.

Wir wollten damit den Palast unsichtbar machen und gleichzeitig die Schlossfassaden auf ihre volle Länge spiegeln. Ach da sind die geblieben, ist ja toll! Das war für mich eine Uraufführung gewesen, und ich wusste nicht wo die Spiegel geblieben sind. Ist ja interessant!

Die makrobedruckte Stofffassade war eines der ersten Blow Ups, jene Großdrucke…

Darf ich Ihnen sagen, das ist ein kleiner Irrtum von Ihnen. Es gab 1993 noch keine Plotter, es gab keine Scanner, das ist alles handgemalt gewesen, rund 10.000 qm handbemalt. Wissen Sie, hinten in Raum III im Forum hängt ein größeres Stück des Portals IV von der Fassade, da sehen Sie jeden Pinselstrich drauf. Handgemalt in Frankreich!

Wahnsinn, ähnlich wie damals die großen Kinomaler mit den riesigen Plakaten. Das Schloss als Vorbild für die Idee der „Blow-Ups“, jene Großdrucke, mit denen seitdem Baustellen als Werbeflächen genutzt werden. Inwieweit hat sich dieses Happening auf den Erfolg des Schlossbaus ausgewirkt?

Entscheidend! Denn als wir das virtuelle Schloss im Maßstab 1:1 da plötzlich innerhalb von vier Wochen hingestellt hatten, mussten sich die Leute die Augen reiben. Ursprünglich sollten wir dort nur für 100 Tage im Sommer 1993 bleiben, da wären wir allerdings pleite gegangen, die Zeit war zu kurz, um ausreichend Spenden zu sammeln.

Fotos von Benin-Figuren als Beispiel von „Raubkunst“.

Kurz vor Ablauf der Frist erklärten wir dem Senat: Bevor Sie im Herbst und zu Weihnachten wieder das dunkle, große Loch am Ende der Linden haben, wäre es doch sinnvoller, unter der nachts ständig angestrahlten Schlossfassade einen Weihnachtsmarkt stattfinden zu lassen. Und als wir im Frühjahr 1994 erneut abräumen sollten, wiesen wir daraufhin: „Jetzt kommen erst die Touristen! Gerade deswegen, die wollen das doch sehen und bringen Geld in die Stadt. Wie sieht das denn dann aus im Sommer mit diesem ollen Loch?“. Darauf kriegten wir eine Verlängerung bis September, konnten den Senat und den Bezirk so mehrfach überlisten und überzeugen.

Sie waren zwei Sommer und einen Winter in der Stadt.

Und das war der Durchbruch, der Stimmungsumschwung für das Schloss. Marianne von Weizsäcker, die Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten drückte das bei einem Besuch, kurz bevor wir abbauen mussten, so aus: „Boddien, Sie sind ein Filou.“ Nun ist das, noch dazu von einer Dame gesagt, nicht immer ein Kompliment für einen Herrn. Darauf entgegnete ich: „Sagen Sie mal, gnädige Frau, wie meinen Sie das?“, daraufhin sie: „Erst stellen Sie die Schlossattrappe hin und wir finden sie sensationell, weil sie so plötzlich da war. Vorher war da ein Loch. Dann lassen Sie sie so lange stehen, dass wir uns dran gewöhnt haben und jetzt wirkt alles so normal, als ob hier nie etwas Anderes gewesen wäre!“ Damit haben wir das Schloss aus dem Vergessensein herausgeholt, die Sprengung war ja schon über vierzig Jahre her. Und plötzlich kam der entscheidende Satz, der mir zeigte, wir sind auf dem richtigen Weg: „Und jetzt nehmen Sie es weg, wir kriegen das Loch mitten in der Stadt wieder zurück und werden Entzugserscheinungen haben.“ Das war die letzte Ermutigung. Ohne die Simulation würde heute kein Schloss in Berlin stehen, zu 100 Prozent nicht. Und so steht das Schloss wieder wie selbstverständlich in der Stadt.

Hanno Rauterberg, Baukritiker in der ZEIT, hat Sie 30 Jahre lang immer wieder verächtlich gemacht, mit „Spinnkram“ und „Retro“. Jetzt, 2021, hat er dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben, in dem er plötzlich meinte, er habe sich in die Schlüter-Fassaden verliebt, die wären so köstlich und so wunderbar. Hat er etwa seinen Frieden mit Ihnen gemacht?

Wohl noch nicht ganz, ich traue dem Frieden nicht. Ein bisschen meckern muss er noch, sonst wird er ja unglaubwürdig. Unser alter Satz hat sich aber wieder bewiesen: „Wer nicht hören will, muss sehen.“ In der Regel entscheidet immer die optische Wahrnehmung, nicht die Theorie oder gar die Ideologie. Und so werden wir auch in Zukunft eine Menge Skeptiker auf unsere Seite ziehen, weil sie das Schloss jetzt, wo es fertig ist, sehen können. An der Schönheit des Schlüterhofs kommt keiner vorbei, die erschlägt alle. So einen Platz hat Berlin lang nicht gehabt, und hatte ihn dringend nötig!

Schluter archiv. Foto: Jan Willemsen, Flickr


Wilhelm von Boddien, einer der letzten Kulturbürger alter Schule, hat fast ein halbes Leben für den Wiederaufbau des von Krieg und Kommunismus zerstörten Berliner Stadtschlosses gekämpft, das am 20.07.2021 nach achtjähriger Bauzeit Eröffnung feierte. 

Stephan Schilgen, unser Experte für Berliner (Sub-)Kultur und Design, hatte die Ehre, den Visionär einen Tag danach zu interviewen. Es ist ein langes und gehaltvolles Gespräch geworden, weshalb wir uns dazu entschlossen haben, es in vier Kapiteln auf die nächsten Ausgaben zu verteilen.


Andere Teile: I. II. IV.