Bauen wir eine Metropole für Bienen?

22. 5. 2018

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Diese Änderungen sind in den letzten Jahren auch in Berlin zu sehen. Anstatt der Miete von Luxusbüros mit einer mehrjährigen Kündigungsfrist schließen sich junge Leute in sogenannten coworking places zusammen, die einen Tisch, Stuhl und Kommunikation mit den weiteren Mitgliedern bereits ab 300 Euro monatlich bieten. Heute gibt es von ihnen in Berlin über fünfzig, und fast alle arbeiten mit Partnerhäusern in der ganzen Welt zusammen. Die Koffer packen und morgen ohne Verpflichtungen irgendwo anders sein, so will es die heutige junge Generation. Auch das Wohnen bewegt sich in eine neue, uns fast unbekannte Richtung. Als Beispiel kann der Entwurf eines Wohnhauses des Studios June14 dienen, der von zwanzig  neuen Besitzern eines Baugrundstücks in der Kurfürstenstraße/Frobestraße in Auftrag gegeben wurde. Dies wäre nichts besonderes, wenn im Auftrag nicht gestanden hätte, dass die Wohnungen wenn möglich ohne Innenwände und ohne Türen sein sollen. Also gemeinschaftliches Wohnen. Ich frage den Inhaber des Studios Sam Chermayeff, ob er meint, dass ihr Haus einmal in der Zukunft ein Vorzeigebeispiel für Wohnen wird. „Nein, das denke ich nicht. Aber das Erwägen solcher und ähnlicher Alternativen, das ist die Richtung, in die wir uns in der Zukunft bewegen werden.“

Richard Florida, ein bekannter amerikanischer Ökonom und Professor für Städteplanung, sieht die heutige Situation in Großstädten sehr dramatisch. In seinem neuen Buch „The New Urban Crisis“ warnt er vor einer Verschlechterung der städtischen Strukturen. Als Hauptursache sieht er die Gentrifizierung und wirtschaftliche Unterschiede. Die Immobilienpreise wachsen in rasantem Tempo, womit auch eine Änderung der Bevölkerungsstruktur zusammenhängt. Nicht unbegründet weist der erhobene Zeigefinger der Städteplaner heute auf die sozial-ökonomischen Änderungen in den Großstädten hin, die mit der Attraktivität des Wohnens für finanziell starke Klienten zusammenhängen. Aus den attraktiven Städten werden heute Wohngebiete für reiche Rentner und (oft arme) Touristen, sowie „Geisterhäuser“ mit leerstehenden Wohnungen. Das schwer aussprechbare Wort Gentrifizierung ist die Kehrseite des ökonomischen Erfolgs der Metropolen und bedeutet nichts anderes als einen Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.

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Auf ihre Weise gehören in diese Rubrik auch die neuen Einwohner Berlins – die Bienen. Die Stadt wird für sie zum neuen Zufluchtsort, vor allem wegen der Monokulturen, der Pestizide und der Neonicotinoide, die auf dem Land eingesetzt werden. Bislang fanden 3000 Bienenstöcke mit 150 Millionen Bienen ihr neues Zuhause auf den Berliner Dächern und Terrassen, in Gärten, Parks und Wäldern, wo sie von einer Reihe von Blumen und vielen Baumarten direkt verwöhnt werden. Die Qualität des Honigs aus städtischen Gebieten entspricht der des Honigs aus ländlichen Gebieten, in einigen Tests ist sie sogar besser. Wundern wir uns nicht, schauen wir wieder in die Natur. Als Teil ihrer Überlebensstrategie ist die Biene in der Lage, aus dem Nektar Schadstoffe auszufiltern. Pestizide kann sie jedoch nicht so einfach ausscheiden, die sind aber in der Stadt nicht vorhanden. Außerdem geniessen die Stadtbienen den Vorteil einer längeren Wärme und Blüte.

Kehren wir aber zu uns Menschen zurück. Für das zufriedene Wohnen in ihrem Viertel haben die Berliner einen unübersetzbaren Begriff – der Kiez. Dabei handelt es sich niemals um eine urbanistische Monokultur, sondern um eine Mischung von Wohnraum, Büros, Einkaufsmöglichkeiten, Kunst, Cafés, Restaurants, religiösen Einrichtungen usw. Wenn jemand sagt, dass er im Kiez wohnt, bedeutet dies, dass es ihm nicht gleichgültig ist, wo er lebt. Er interessiert sich aktiv am Geschehen in seiner Umgebung. Sein Haus endet für ihn nicht an der Schwelle, sondern es gehören die Straßen und umliegenden Häuser dazu.

Aber auch das Geschehen in Prag ist Bewohnern nicht gleichgültig. Davon konnten wir uns bei der Auswertung des Fragebogens zum Projekt „Goflorenc“ überzeugen, das die Revitalisierung der Lokalität Na Poříčí betrifft. Die aktive Teilnahme besonders von jungen Leuten, fundierte Meinungen, reale Vorschläge zur Verbesserung des Umfelds… Antworten, die auch die Fachleute überraschten, die uns mit dem Fragebogen halfen. Meinungen wie „macht hier nicht eine neue Pařížská Straße (Prager Prachtstraße in der Altstadt), denkt nicht nur an die Touristen“ zogen sich wie ein roter Faden durch die Antworten. Auf die verantwortlichen Behörden wartet eine nicht einfache Aufgabe. Die Lösung der komplizierten Verkehrssituation erfordert wohl die Arbeit der besten Fachleute; sie müssen die Einzigartigkeit der Lokalität Na Poříčí berücksichtigen,die auch durch eine große Konzentration der ursprünglichen Einwohner gegeben ist. Und nicht nur das. Die Stadt besitzt hier mehrere Häuser. Sie kann also entscheiden, was aus ihnen wird. Verkauf an das höchste Gebot, damit hier das nächste Hotel oder weitere Büros entstehen? Oder die Häuser verbleiben in städtischem Eigentum, mit Wohnungen, die auch weniger begüterten Personen zugänglich sind. Wenn dies nicht gelingt, wird der Mittelstand bald nicht mehr im Stadtzentrum wohnen, der doch den Charakter der Stadt vor Monotonie und vor dem Verschwinden eines gewöhnlichen Lebens aus den Straßen schützt.

Die Revitalisierung der Stadtviertel ist notwendig und ist mit Gefühl und Mut in Angriff zu nehmen. Dabei sollte nicht an erfahrenen Fachleuten gespart werden, und die Einwohner sollten einbezogen werden. Auch sollte verglichen werden, wie diese Problematik anderswo gelöst wird. Der tiefe, bislang nicht ausgeschöpfte Brunnen von EU Fördermitteln bietet gerade in diesem Bereich große Möglichkeiten. Aber vor allem darf nicht nur das eigene Interesse im Vordergrund stehen, sondern die allgemeine Zufriedenheit der Menschen, die an diesem Ort leben und arbeiten. Mit Touristen und ohne diese. Mit einer Vision für weitere Generationen. Keine leichte Aufgabe…

Unlängst war ich auf einer kommentierten Besichtigung von Häusern in der Potsdamer Straße in Berlin, die mit der Lokalität Na Poříčí viel gemeinsam hat. Beide befinden sich im Herz der Stadt, sie haben immer noch ein gesundes Gemisch von Wohnen, Geschäft und Dienstleistungen, wobei sie noch den Eindruck der Peripherie des Zentrums hervorrufen. In einem Punkt unterscheiden sie sich aber doch. In einer Nebenstraße der Potsdamer Straße stehen bei Tag und Nacht „Damen“ auf hohen Absätzen und mit kurzen Röcken. Nach klaren Regeln teilen sich ihre balkanesischen Zuhälter die Straße nach Quadratmetern auf. Auf meine Frage, was die hiesigen Einwohner dazu sagen, antwortete der Guide: „Unlängst war ein Treffen unserer Eigentümervereinigung zum Thema, ob wir eine Petition an die Stadt schreiben, damit sie die Prostitution von hier verdrängt.“ „Und das Ergebnis?“ fragte ich neugierig. „60 Prozent der Leute waren dagegen. Sie befürchten, dass, wenn die Prostitution aus den Straßen der Stadt verschwindet, die Grundstücks- und Wohnungspreise in unserem Kiez augenblicklich anwachsen. Und das will doch hier niemand.“

Die Autorin ist Gründerin der Initiative goflorenc.

Text Danuše Siering Foto Anselmo Fox